Mittwoch, 26. August 2015

neu: BWK: Frauen



Die weiße Wand


Anmerkungen zur Ausstellung "Frauen auf der BWK"



Der Förderverein Kämmereimuseum hat mit seiner diesjährigen Fotoausstellung "Frauen auf der BWK" nicht nur alte Fotos aktuell präsentiert. Gleichzeitig hat er mit einem Teil der Ausstellungsfläche zum Nachdenken angeregt. Dort fehlten Bilder über das Arbeitsleben von Frauen auf der BWK. Auch sorgten keine anderen Informationen für Einblicke in die angekündigte "bebilderte Zeitreise über mehrere Jahrzehnte Frauenarbeit auf der BWK". Stattdessen wurde die Ausstellung durch eine leere, weiße Wand oder genauer eine leere Papierrolle unterbrochen, die so eindrucksvoll war, dass sie von den Journalisten in ihren Artikeln nicht unerwähnt blieb. 

Das geschah jedoch nicht ohne Grund; denn hier fehlte nicht der angekündigte Abstecher zu den Fotos eines stolzen Vaters, der, wie es die Ausstellungsmacher ausdrückten, "eine behütete Jugend zwischen BWK und Blumenthaler Aue" fotografisch festhielt.

Über die Bedeutung der leeren Papierrolle wird man nicht im Unklaren gelassen,w
enn es etwa heißt: "Und dann gibt es den Bereich Führungspositionen in der Ausstellung. Der ist allerdings nicht bebildert. Eine weiße leere Papierbahn drückt aus, wie es um Frauen in Führungspositionen auf der 2009 geschlossenen BWK bestellt war."

Vielmehr weist sich die Ausstellung an dieser Stelle als politisch sehr korrekt aus, da sie das aktuell diskutierte Thema von Frauen in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft aufgreift, wo einige Parteien und Medien Quoten für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten großer Aktiengesellschaften fordern 
und durchgesetzt haben.

Davon wäre die BWK heute vermutlich auch betroffen, wenn sie als Kapitalgesellschaft mit einer gewissen Größe überlebt hätte.


Weiblicher und männlicher Blick auf "Wollmäuse"


Mit der gewählten Thematik "Frauen auf der BWK" hat sich der Förderverein
Kämmereimuseum unter dem Vorsitz von Detlef Gorn an ein Projekt gewagt, zu dem es nur wenige Informationen aus der Zeit der BWK gibt. Offenbar hat es das Unternehme selbst also nicht für besonders wichtig gehalten.

Bei dieser Informationstand ist man auf Quellen angewiesen, die man nicht ganz ohne Einschränkungen und Vorbehalte verwenden darf. Da ist zu einen der teilweise autobiografische Roman "Maddo Clüver" von Tami Oelfken, der mit belletristischen Mitteln die Ankunft und die erste Zeit der jungen Polinnen schildert, die von der BWK u.a. im damals preußische Westpreußen und Oberschlesien angeworben wurden.

Zum anderen sind es Berichte aus der Nordwolle in Delmenhorst, einer mit der BWK vom Alter und von der Größe her gut vergleichbaren Wollkämmerei, die abweichend von der BWK auch eine Spinnerei betrieb. 

In Delmenhorst entstand, nachdem die Produktion dort bis 1981 und damit erheblich früher als in Blumenthal nach und nach eingestellt wurde, bereits seit 1989 im Rahmen der Volkshochschule Delmenhorst ein Arbeitskreis "Fabrik wird Museum", der sowohl Vorschläge für das heutige Industriemuseum entwickelt hat als auch die Geschichte des Unternehmens und seiner Beschäftigten aufarbeiten konnte. Ergebnisse findet man in verschiedenen Flyern. 

Über die Arbeit der Frauen auf der Nordwolle berichtet besonders ausführlich die Ausgabe über die "Sortierung". Danach war diese Abteilung "ein bevorzugter Arbeitsplatz"; denn das Sortieren der Rohwolle erfolgte in einem "hellen, geheizten Raum ohne Maschinenlärm". Deswegen war die Sortierung "ein begehrter Arbeitsplatz für Frauen".

Für ihre Tätigkeit musste die Wollsortiererin, wie es im heutigen Museumsflyer heißt, "ein geübtes Auge und Fingerspitzengefühl haben, um die unterschiedlichen Feinheiten und Stärken der Haare herauszufühlen". Um mit den unterschiedlichen Wollklassen vertraut zu werden, betrug die übliche Anlernzeit anderthalb Jahre. Der anschließende Verdienst lag dann "deutlich" über dem der Maschinenarbeiterinnen. Zudem gab es in der Sortierung keine Akkordarbeit, "denn die Qualität hatte Vorrang vor der Quantität." 

Die Frauen in der Wollsortierung hatten nach dieser Beschreibung also vor allem bedingt durch ihre Aufgaben vergleichsweise gute Arbeitsbedingungen. Dazu gehörte es auch, dass sie sich während der Arbeit unterhalten konnten, da auf dem Sortierboden keine lärmenden Maschinen liefen. Zudem bestand eine gewisse Sicherheit des Arbeitsplatzes, da sich eingearbeitete Sortiererinnen nicht leicht ersetzen ließen.

Einen ähnlich positiven Eindruck vermittelte auch einer der Museumsführer, wenn er ergänzend berichtete, dass man die ledigen Mädchen "scherzhaft "Wollmäuse" genannt habe. Auch bestätigt er eine ehe fröhliche Arbeitsatmosphäre in der Sortierung, da nach seinen Worten "alle Mädchen" in der Sortierung arbeiten wollten, "weil sie dort bei der Arbeit singen konnten". Damit unterschied sich diese Abteilung nur zu deutlich von den anderen Kämmereibereichen, wo "sich die Arbeiter gegenseitig in die Ohren brüllen" mussten, um das Stampfen und Rattern der Maschinen zu übertönen."
  
Allerdings hatten offenbar nicht alle MitarbeiterInnen der Nordwolle diesen eher positiven Blick auf das Arbeitsleben der Frauen in Delmenhorst. Eine Führung am Weltfrauentag des Jahres 2004, über die ausführlich in der Lokalpresse berichtete wurde, vermittelte jedenfalls ein anderes Bild von der Arbeit der Frauen. Das begann bereits beim Begriff der "Wollmäuse". So stellte eine Museumsführerin am Internationalen Frauentag 2003 das "harte Leben der "Wollmäuse"" (Becker) besonders heraus. Für sie handelte es sich bei der Bezeichnung "Wollmäuse" durch die männlichen Kollegen nicht um einen Scherz oder gar eine Form belangloser Anmache, sondern um eine "Beleidigung".   
  
Nach der Begründung drückte sich in der Bezeichnung zwar einerseits eine versteckte Anerkennung aus, "weil sie so schnell wie Mäuse waren", aber hinzu kam ein gleichzeitiger Angriff auf die Attraktivität der Frauen, "weil der Staub der Fabrikluft ihre Haut grau färbte".

Dieser besondere Blick am Frauentag betraf nicht nur Spannungen unter den Frauen und Männern in der Belegschaft, die mit besonders kritischen Augen beobachtet und interpretiert wurden. Hinzu kam eine Darstellung der sicherlich damals nicht gerade optimalen Arbeitsbedingungen, die den Ruf nach einem Achtstundentag zu einem wesentlichen Ziel der Arbeiterbewegung machten. Für die bereits zitierte Museumsführerin waren die Belastungen für die Frauen jedoch vergleichsweise noch schlechter als für ihre männlichen Kollegen. Nach ihrer Darstellung kamen die "Männer erst in den Betrieb", als es den Frauen verboten wurde, "Nachtschicht zu machen". 

Ähnlich exklusiv beschreibt die Führerin am Frauentag den weiblichen Arbeitstag bei der Nodwolle ab dem Jahr 1891: "Wecken um 3.30 Uhr morgens, um pünktlich in den elfstündigen Arbeitstag ohne Pause starten zu können. 72 Stunden Arbeit jede Woche, einen Tag Urlaub im Jahr..". 

Als besonders hart schildert sie die Arbeit in der Kämmerei, wo "jede Frau vier Maschinen bedienen" musste, was zu zahlreichen Verletzungen führte. 



Sortierung (Quelle: Förderverein Kämmereimuseum)




                                                                                                 





                                                  Kämmerei (Quelle: Sir Charles. Heft 47 (Förderverein Kämmereimuseum)



Diese sich teilweise widersprechenden und nicht in jedem Fall belegten Berichte machen deutlich, dass Frauen und Männer ihre Arbeitsverhältnisse sehr abweichend beschreiben können. Ein objektives Bild lässt sich daher nur schwer zeichnen. Das kann vielleicht noch für die Arbeitszeit und die Umweltbelastung innerhalb der Kämmerei durch Lärm und Gerüche gelingen, wird jedoch zu einem Problem, wenn es um den gemeinten Sinn eines Begriffs wie "Wollmäuse" geht.

Hier dürfte es vielen Zuhörern und Lesern schwerfallen, darin eine Beleidigung zu sehen. Und das scheint nicht nur für Männer zu gelten. Vermutlich ist es daher eine geschickte Lösung für eine Ausstellung, wenn man die Beantwortung von Fragen, die zwischen den Geschlechten strittig sind, jedem Einzelnen überlässt und nur durch ein weißes Blatt auf die offene Frage hinweist.



Frauenarbeit in der BWK 

Unter diesen Vorbehalten werden die Beispiele von der Nordwolle durch Informationen aus der Blumenthaler BWK bestätigt. Auch hier waren die Frauen zunächst vor allem in der Sortierung beschäftigt. Das gilt sogar noch für die beiden Mitarbeiterinnen, die dort sogar Ende der 1980-er Jahre weiterhin deutsche Wollen sortierten, als diese Arbeit sonst bereits ausschließlich in den Wollexportländern erfolgte.(Leohold, S. 57) Dabei war in diesem von Arbeiterinnen geprägten Betriebsbereich noch 1957 ein Fünftel der Belegschaft von 4.500 MitarbeiterInnen tätig. (ebenda)"

Allerdings stellten die Frauen auch während des Kaiserreichs, also in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, nicht die Mehrheit unter den Beschäftigten, wie das etwa bei der Bremer Jute der Fall war. Dazu fehlten die üblicherweise von Frauen besetzten Arbeitsplätze einer Spinnerei. Generell schwankte in den Gründerjahren der Frauenanteil um die 40 %, wobei der Wert vor dem Verbot der Frauennachtarbeit mit 42% - 50 % besonders hoch lag (Ellermann, S. 38)
Wie bei der Delmenhorster Nordwolle mussten die Sortiererinnen die Wollvliese oder -stücke ausbreiten und nach bis zu 12 verschiedenen Feinheiten in Körbe ordnen. Diese Arbeit erforderte daher ein gutes Auge und vor allem eine gewisse Flexibilität, aber auch Erfahrung. Daher benötigten die Mitarbeiterinnen auch eine längere Anlernzeit von 1 -2 Jahren. (ebenda)

Dies wiederum rechtfertigte eine relativ hohe Bezahlung, die aber auch daraus resultierte, dass die Sortierung so etwas wie das Bindeglied zu den Wollhändlern, den Eignern der auf der BWK behandelten Wolle, darstellte. (ebenda)

Ab den 1960-er Jahren änderte sich dann die Arbeit auf der Wollkämmerei mit erheblichen Auswirkungen auf die Frauenbeschäftigung. Mit der Schließung der Sortierung gingen etwa 20 % aller vor allem von Frauen besetzten Arbeitsplätze verloren. Dabei wurden ihre Tätigkeiten praktisch in die Wollexportländer verlagert, die dadurch die Wertschöpfung ihrer Rohwollindustrie steigern und Arbeitsplätze schaffen wollten.

Insgesamt ähnliche Auswirkungen waren für die Mitarbeiterinnen mit der Rationalisierung der Kammzugproduktion verbunden. Nachdem die BWK neue ebenerdige Produktionshallen errichtet hatte, in denen eine stark automatisierte Produktion erfolgte, erforderte die Bedienung dieser Anlagen andere Qualifikationen als die Arbeit an den älteren Maschinen. Dazu wurden neue Ausbildungsgänge erforderlich wie die des Energieanlagenelektonikers, die so gut wie keine weiblichen Auszubildende aufwiesen. Das belegen beispielhafte Berichte über neue Azubis in der Werkszeitung "Sir Charles" und der Lokalpresse. Danach befanden sich 1987 unter 17 Azubis zwei Frauen. Den großen Unterschied machten die Ausbildungsberufe aus, denn die männlichen Auszubildenden wollten ausschließlich technische Berufe erlernen, die weiblichen hingegen kaufmännische. In anderen Jahren sah das nicht wesentlich anders aus.

Aufgrund der Vorbildung war es für diese Mitarbeiter, schwer sich weiterzuqualifizieren und eine leitende Position einzunehmen. In diesem Bereich bestand ein kaum überwindbare Kluft zwischen Fabrikarbeitern, die die manuellen Tätigkeiten zu erledigen hatten, und den leitenden Angestellten, die in der Regel eine Hochschulausbildung absolviert hatten.

   
Mit der Tätigkeit und offenbar auch dem Geschlecht war bei der BWK eine unterschiedliche Bezahlung verbunden. Bereits vor dem Zweien Weltkrieg war die Bezahlung von Frauen und Männern ein heikles und strittiges Thema. Für die Mitarbeiterinnen gab es bei gleichen Tätigkeiten, wie berichtet wurde, in jener Zeit verdiente eine Frau pro Woche 14 Mark, ein Mann für dieselbe Arbeit hingegen 23 Mark, also über die Hälfte mehr. (S. 83) Diese Unterschiede bestanden auch in der Sortierung, wo die Tätigkeit der Frauen besonders geschätzt wurde. Hier wurde die höhere Bezahlung der "Vormänner", wie man die männlichen Arbeiter bezeichnete, durch eine größere Kraftanstrengung bei der Arbeit begründet, da die Männer die schweren Rohwollballen zunächst auspacken mussten.

Eine Benachteiligung bestand allerdings nicht nur bei der Lohnhöhe, sondern zudem noch bei der Sicherhheit des Arbeitsplatzes. Das zeigte sich in Krisenjahren wie 1900 und 1951, als die Nachfrage nach Kammzügen dramatisch einbrach. Damals wurden vorrangig die verheirateten Frauen als eine relativ unproblematische Manövriermasse auf dem Arbeitsmarkt behandelt, da man sie als „Doppelverdienerinnen“ ansah, die finanziell abgesichert waren. (S. 80f)

Aber die BWK tat auch durchaus etwas für ihre Mitarbeiterinnen, wenn auch in begrenztem Maße. Das galt etwa für Anke Gust, die nach dem Abschluss ihrer Ausbildung an einem Trainingsprogramm der Australian Wool Association teilnehmen konnte (Weser-Kurier vom 30.9.90), bei dem Einblick in die australische Wollproduktion durch Besuche bei Schafzüchtern und den Wollbörsen gegeben wurde.




Politische und betriebliche Stellung von Frauen in Deutschland


In den über einhundert Jahres Bestehens der BWK haben sich die politischen Rahmenbedingungen mehrfach grundlegend geändert. Das betraf nicht zuletzt den Wandel der weiblichen Rollenbildes. 

Für eine Einschätzung sollte man allerdings auch die politischen Rahmenbedingungen nicht übersehen, die sich zur Zeit der BWK-Gründung kaum mit den heutigen vergleichen lassen, denn in Bremen durften 1883 nicht nur die Frauen nicht wählen. Gleichzeitig bestand für die Männer ein Achtklassenwahlrecht. Dabei hatte eine Stimme eines Kaufmanns das Gewicht von 297 Arbeiterstimmen, wodurch die Herrschaft des männlichen Teils des Bürgertums über den Weg des Wahlrechts zementiert war.

Das änderte sich grundlegend, als der Erste Weltkrieg mit dem Steckrübenwinter  1916-7 und einer verbreiteten Unterernährung zu einer Streikwelle führte, die große Teile der Bevölkerung politisierte und nach "Brot und Frieden" rufen ließ. Das war nicht zuletzt eine Folge der 800.000 Menschen, die während des Krieges an Hunger und Unterernährung starben
 

Bereits am Ende des Kaiserreichs und als Folge des Erste Weltkriegs nahmen die Linke und die Rätebewegung in der Hafenstadt Bremen eine dominierende Stellung ein. Wie auch in anderen Hafenstädten wie in Kiel fand sie vor allem unter den Werftarbeitern und Marinesoldaten viele Anhänger. Ein typisches Ergebnis dieser Situation war die Bremer Räterepublik, die im Januar 1919 ausgerufen wurde und die soziale Lage in Bremen und Deutschland revolutionieren wollte. 

Den Anstoß zu dieser Bewegung gaben die Befürchtungen der Kieler Matrosen, die nicht kurz vor Kriegsende in einer sinnlosen Schlacht entsprechend dem Ehrenkodex der Offiziere geopfert zu werden wollten, wie es anscheinend von ihren Vorgesetzte geplant wurde.

Mit der Ausrufung der Republik in Berlin entstand dann keine deutsche Räterepublik, aber eine Demokratie mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger. In der späteren Verfassung wurde zusätzlich ene Gleichheit von Männern und Frauen vor dem Gesetz bestimmt. "„Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ (Art. 109)

Im Zuge des verlorenen Krieges mit seinen katastrophalen Folgen für das Leben in Deutschland, durch den die Monarchie und die sie stützenden Schichten ihr Ansehen und ihre politische Macht einbüßt hatten, konnten daher erstmals in Deutschland Frauen wählen.

In Bremen erfolgte die erste Wahl mit Wählerinnen und Kandidatinnen am 10.2. 1919, als die Zusammensetzung der Bremer Nationalversammlung ermittelt wurde. Das Ergebnis war ein überwältigende Wahlsieg der Linken, da die drei Linksparteien MSPD, USPD und KPD 59,6 % der Stimmen und 120 von 200 Sitzen erreichten. Insgesamt wurden 18 Frauen gewählt.

Das änderte sich dann allerdings deutlich in den anschließenden Wahlen, als auch in Bremen die Parteien deutlich an Boden gewannen, die sich weder für einen Ausbau der weiblichen Gleichberechtigung noch der betrieblichen Mitbestimmung stark machten. Das galt etwa für DVP. Insgesamt stellten die Frauen in den sechs Bürgerschaftsperioden von 1920 bis 1930/33 von den 120 Abgeordneten der späteren Bürgerschaft 10 bis 12 Abgeordnete, also knapp 10 % oder weniger. Die geringe Zahl weiblicher Abgeordneter traf also nicht nur für eine Wahl zu, sondern zeigte sogar einen negative Trend; denn die Zahl der weiblichen Abgeordneten hat im Laufe der Weimarer Republik eher ab- als zugenommen. Immerhin sorgten die wenigen Parlamentarierinnen im Reichstag  für die Zulassung von Frauen als Richterinnen, Schöffinnen und Geschworene.

Reale Macht wurde den Frauen jedoch sogar von ihren männlichen Parteigenossen nicht eingeräumt, da die erste Senatorin, das KPD-Mitglied Käthe Popall, erst 1945 von der Militärregierung ernannt wurde. Offenbar sahen viele Linke darin nicht einmal einen politischen Widerspruch, wenn sie den Frauen keine Verantwortung für eine senatorische Behörde zutrauten. Sie waren eben noch nicht so weit und mussten sich erst gedulden wie vorher die Männer.
Der Einsatz für das Frauenwahlrecht hat sich damals vermutlich für die Linke in Bremen nicht ausgezahlt, denn überall im Deutschen Reich gaben überdurchschnittlich viele Frauen ihre Stimmen den eher religiös orientierten Parteien wie dem Zentrum, die sich nicht gerade durch einen großen Einsatz für die Rechte der Frauen hervorgetan hatten. 

Offensichtlich hat die frühe Frauenbewegung also nur eine Minderheit vertreten, während die Mehrheit an den traditionellen Rollenbildern keinen Anstoß nahm. Dafür spricht auch die geringere Wahlbeteiligung der Frauen, die ganz anders als heute zehn Prozentpunkte unter der der Männer lag.

Zwar hatten vor allem die Linksparteien das Frauenwahlrecht durchgesetzt. Auch waren die ersten weiblichen Abgeordneten gewählt worden. Nur führte das nicht zur Beteiligung an der realen Macht der Exekutive, denn es gab weder während der Jahre der Weimarer Republik, also zwischen 1919 und 1933, noch anschließend unter den Nationalsozialisten in Bremen Senatorinnen.
  

Parallel zur politischen wollte die Linke mit viel Elan durch den Sturz der Fürsten, Könige und des Kaiser angespornt die politische durch eine wirtschaftliche Demokratie ergänzen. Dafür bestanden allerdings keine guten Rahmenbedingungen; denn die vielen teilweise hungernden und verwundeten Arbeitslosen wollten vor allem Frieden und Brot, während die betriebliche Mitbestimmung als ein schönes Ziel ohne reale Bedeutung erschien. Auf der damaligen politischen Agenda standen also ganz andere Programmpunkte weit oben.

Dennoch hatte die Linke den Gedanken einer Rätedemokratie nicht völlig vergessen. Nur fehlte dafür eine parlamentarische Mehrheit. So verabschiedete die Weimarer Koalition 1920 ein Betriebsrätegesetz, das für Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten einen Betriebsrat vorsah, dessen Aufgaben in einer sozialen und wirtschaftlichen Interessenvertretung der Arbeitnehmer bestehen sollte. Ein Einfluss auf die Unternehmensziele, die Verteilung der Gewinnen und andere strategische Weichenstellungen durch das Management wurde nicht vorgesehen. 

Das galt sogar für die beiden Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat größerer Aktiengesellschaften. Damit waren die gesetzlichen Regelungen weit von den Einflussmöglichkeiten der Arbeiter und Angestellten entfernt, wie sie dem Räteprinzip entsprechen. Diese endgültige Abkehr der SPD von einer sozialen Revolution in Deutschland führte zu einer breiten Streik- und Demonstrationsbewegung, als die Gruppierungen links von der SPD, also die USPD und die entstehende KPD, gegen dieses Reformgesetz kämpften.

Auf der Grundlage dieses Gesetzes erhielt auch die BWK einen Betriebsrat und zwei Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Eine Frau war jedoch nicht darunter.

Allerdings dauerte diese erste Mitbestimmung der Mitarbeiter nur knapp vierzehn Jahren, denn nach der Machtübernahme durch die NS-Partei wurde durch das "Gesetz zur Ordnung der Nationalen Arbeit" vom 20.1.1934 diese Beteiligung der Arbeitnehmer wieder beseitigt. 

Für die Frauen auf der BWK schienen die Mitbestimmungsregelungen weder in der Weimarer Republik noch zu Beginn der Bundesrepublik eine reale Bedeutung zu besitzen, da die Gremien ausschließlich von Männern besetzt wurden. Das änderte sich erst 1984, als Marga Schikora erstmals in den Betriebsrat gewählt wurde. Nach ihrem Abschied gab es dann jedoch unter den elf Betriebsratmitgliedern wiederum keine Frau. 

Diese Zusammensetzung muss man allerdings vor dem Hintergrund des Frauenanteils unter den Beschäftigten der BWK sehen. Hier wird vom Unternehmen für 1954 ein Anteil von 40% ausgewiesen (Weser-Kurier vom 11.2.1954), der dann nach den umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen der 1960-er Jahre 1971 auf knapp 10 % gefallen ist.

Die fehlende Repräsentation von 40 % der Belegschaft kann kaum überraschen, wenn man die damalige soziale Stellung der Frauen in Deutschland berücksichtigt. So konnte man neben dem Wahlrecht kaum von einer weiblichen Gleichberechtigung sprechen. Dafür sorgte in einem ersten Schritt erst das Gleichberechtigungsgesetz von 1958, denn zuvor hatte der Mann das Entscheidungsrecht in allen ehelichen Angelegenheiten und konnte sogar über die Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses der Ehefrau entscheiden. Ähnlich sah es bei Entscheidungen über das Vermögen aus, sodass Ehefrauen damit Menschen minderen Rechts waren. Bis in diese Zeit haben damit die Vorstellungen aus der Zeit des Kaiserreich und des NS-Regimes ihre Bedeutung behalten.

Nach dieser fast revolutionär zu nennenden Umwälzung des ehelichen Verhältnisses der beiden Geschlechter in Deutschland folgten erst durch die sozialliberale Koalition Ende der 1970-er Jahre weitere Änderungen vor allem im Scheidungs- und Familienrecht, durch die das Schuld- durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt wurde bei denen die elterliche Sorge im Scheidungsfall nach dem Kindeswohl und nicht mehr von einer im Scheidungsverfahren festgestellten Schuld abhängig war.

Durch rotgrüne Koalitionen oder Alleinregierungen der SPD im Bund und in Bremen trat seit etwa 1980 mit der Einrichtung der Bemischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) an die Stelle einer zuvor angestrebten Rechtsgleichheit eine Gleichstellung der Geschlechter, die durch Vorschriften und Quoten durchgesetzt werden soll. Dabei zeigt sich, dass diese Forderungen anders als noch das Frauenwahlrecht von vielen Frauen unterstützt wird, da die Parteien, die diese Ziele besonder engagiert verfolgen, inzwischen anders als kurz nach dem Ersten Weltkrieg unter den Wählerinnen überdurchschnittlich viele Stimmen erhalten.


Politische und sozial Emanzipation der Frauen in Deutschland

Jahr
Emanzipatiosschritt
1891
Arbeitszeitverordnung, die die Nacharbeit von Frauen verbietet
12. 11. 1918
Rat der Volksbeauftragten verkündet in einen Aufruf an das deutsche Volk „mit Gesetzeskraft“: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystem für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“
30. 11.1918
Reichswahlgesetz
23. 11.1918
Reichsamt für die wirtschaftliche Demobilisierung (DMA) erlässt die Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher Arbeiter, die den Achtstundentag einführt
19.01.1919Erste nationale Wahl in Deutschland mit Frauenwahlrecht
04.02.1920
Betriebsrätegesetz, nach dem Betriebsräte gegründet und zwei Arbeitnehmervetreter in die Aufsichtsräte großer Unternehmen gewählt wurden
20. 01.1934
Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit, das die Reformen von 1920 rückgängig macht ("Gleichschaltung")
16.01.38
Verordnung über das "Mutterkreuz", womit rassisch und politisch gewünschte deutsche Mütter ausgezeichnet werden, die mindestens vier Kinder geboren haben
23.07.45
Käthe Popall (KPD) wird durch die Militärregierung zur ersten Senatorin Bremens ernannt
08 05 49
Parlamentarischer Rat nimmt Grundgesetz (GG), dessen Art. 3 Abs. 2 GG besagt: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.
18.06.57
Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts (Gleichberechtigungsgesetz)
14.06.79Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts
24.07.79
Gesetz zur Neuordnung des Rechts der elterlichen Sorge
1984Wahl von Marga Schikora in den Betriebsrat
20.11.90Gesetz über die Errichtung der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF)
19.02.02Senat beschließt, „Perspektive des Gender Mainstreaming aktiv zu unterstützen“
24.04.15
"Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst", das Frauenquote von 30 % in Aufsichtsräten vorsieht  

 
Eine Geschichte der Frauen auf der BWK lässt sich zwangsläufig nur vor diesem Hintergrund darstellen, wobei auch ihr Anteil an der Belegschaft eine Rolle spielen muss, da sich die Positionen von Minderheiten und Mehrheiten unterschiedlich leicht durchsetzen lassen.

In der BWK stellten die weiblichen Beschäftigten bis in die 1950-er Jahre einen gewichtigen Anteil, als die Sortierung der Rohwolle noch in Blumenthal erfolgte. Das änderte sich in den folgenden Jahren mit den Rationalisierungsmaßnahmen, sodass der Frauenanteil bis 1971 auf nur noch knapp 10 % sank.

Auch wenn vom Unternehmen nur selten über die Entwicklung der Frauenbeschäftigung berichtet wurde, lässt sich diese Tendenz durch eine Reihe von Einzelinformationen über neue Ausbildungsjahrgänge belegen. Wenn daher "nur" für einige Jahre eine Frau im Betriebsrat vertreten war, bedeutet das nicht unbedingt eine extrem ausgeprägte Unterrepräsentation. Der Anteil der Frauen war eben relativ gering, nachdem es keine Sortierung mehr gab. Auch sah nicht jede Frau die politische oder gewerkschaftliche Arbeit als Teil ihres eigenen Rollenbildes.



BWK-Betriebsrat 1987 (Quelle: Sir Charles, Heft 3, S.1)


Geschlechtsspezifische Fähigkeiten




Wie es für landwirtschaftlich geprägte Kulturen üblich ist, unterschied man auch im Deutschen Reich bis zum Beginn der Industrialisierung zwischen Männer- und Frauenarbeiten. Grob gesagt waren dabei im bäuerlichen Bereich, denn 1882 - also vor der Mechanisierung der Landwirtschaft - waren 41,2 % aller Erwerbstätigen und ihrer Angehörigen im Deutschen Reich im Agrarbereich tätig, der damit die soziale Situation weitgehend prägte. Dabei galt eine strenge Arbeits
teilung; wobei der Bauer die Äcker zu bestellen hatte, während sich die Bäuerin um den großen Selbstversorgungshaushalt mit Garten und um die Kinder kümmerte. 

Das änderte sich im Zuge der Industrialisierung, als mit neuen Maschinen auch neue Beruf entstanden, die teilweise fast ausschließlich Frauen zugeordnet wurden. Das gilt etwa für Näherinnen, Stenotypistinnen, Telefonistinnen und Datentypistinnen (vgl. Übersicht)

Auf der BWK war damit in erster Linie die Verwaltung von dieser Entwicklung betroffen, wo die Aufgaben der Buchhalter und Schreiber von Frauen mit Schreibmaschinen oder Dateneingabegeräten teilweise ersetzt wurden.

Generell muss man dabei berücksichtigen, dass lange Zeit die Arbeit von Ehefrauen nicht als weibliche Karriere gesehen wurde. Vielmehr erklärten 1899 75 % der berufstätigen Frauen, sie müssten hinzu verdienen, weil der niedrige Lohn ihrer Männer sonst nicht ausreichen würde.



Vorwiegend von Frauen bediente Maschinen


Maschine
Jahr der Erfindung
Beruf
Nähmaschine
1848 durch Howe/ Singer
Näherin
Schreibmaschine
1899 u.a. durch Hermann und Franz Xaver 
Stenotypistin
Elektr. Schreibmaschine
1913
Stenotypistin
Klappenschrank
1881
Telefonistin
Lochkartenlocher
IBM, 1923
Datentypistin


Die Aufteilung in Frauen- und Männerarbeiten erfolgt dabei nach verschiedenen Kriterien, wie das Beispiel der Telefonistinnen zeigt. Als ab 1881 die Fernsprechnetze eingerichtet wurden, erledigten zunächst ausschließlich Männer die notwendige Handvermittlung. Dabei stellte man fest, dass die höheren Frequenzen einer Frauenstimme bei schlechter Leitungsqualität besser zu verstehen waren als die tieferen Männerstimmen. Damit wurden die Herren vom Amt durch das Fräulein vom Amt ersetzt und die Arbeit in einer Telefonzentrale wurde zu einem typischen Frauenberuf.

Bis in die Zeit des Gender Mainstreaming, also dem Politikwechsel von der Gleichberechtigung zur Gleichstellung der Frauen, indem gezielt für Frauen in Männerberufen von Seiten des Staates geworben wird, galt eine geschlechtsspezifische Abhängigkeit von Fähigkeiten, die man zumindest Frauen und Männer im Durchschnitt zugeschrieben hat. Das waren durchgängige Erwartungen, die von den Eltern über die Schule bis hin zu den Personalabteilungen der Unternehmen und Verwaltungen reichten, also der Berufswelt von Männern und Frauen feste Wahlmöglichkeiten vorgab . 



Berufstätige Frauen in der NS-Zeit


Mit dem Sturz der Monarchie hatten die Frauen in Deutschland das Wahlrecht erhalten, ohne dass damit eine wirkliche soziale Gleichberechtigung verbunden gewesen wäre. Vermutlich führte diese Frauenemanzipation von oben und als "Zugabe" zu anderen zentralen Programmpunkten zu einer Gleichgültigkeit zahlreicher Frauen gegenüber einer veränderten Rechtsstellung und einem möglichen Vordringen in Männerberufe.

Daher scheint es den Nationalsozialisten und anderen Parteien wie der DNVP auf der rechten Seite des Spektrums nicht besonders schwer gefallen zu sein, die ersten Zeichen einer sozialen Frauenemanzipation, wie sie sich etwa im Berlin der goldenen 1920-er Jahre andeutete, als eher unweiblich und undeutsch abzulehnen. Das Schlagwort von einer "neuen" Frau, die von konservativen Kreise für sinkende Geburtenraten verantwortlich gemacht wurde, galt daher vielfach eher als Schimpfwort. Besonderen Anstoß erregte dabei das Rauchen und Schminken in der Öffentlichkeit und eine freizügige Haltung zur Sexualität, wie man sie im Kaiserreich nicht gekannt hatte.

Titelseite der Zeitschrift homosexueller Frauen "Die Freundin" von 1928 (Quelle: wikipedia)


Innerhalb weniger Jahren hatte sich das Leben der Frauen durch den Sturz der Monarchien in den deutschen Ländern und im Reich sowie die Entstehung neuer "Frauenberufe" in der Industrie, in der Telekommunikation und bei Banken und Versicherungen in einer Weise verändert, wie es niemand zuvor gekannt hatte. 


Diese Offenheit gegenüber neuen Lebensentwürfen führte zu einer Suche nach einem neuen weiblichen Selbstverständnis. Dem setzten die Nationalsozialisten und andere rechte und konservative Kräfte ein Leitbild mit festen Geschlechterrollen entgegen, die in einer fast archaisch-mythischen Überhöhung definiert wurden. Der Mann sollte Ernährer und Beschützer, später dann im Verlauf de Zweiten Weltkrieges immer mehr auch Krieger sein, die Frau vor allem Mutter, um durch diese Form der geschlechtlichen Arbeitsteilung Raum zu erobern und mit Nachkommen aus möglichst vielen und großen deutschen Familien zu bevölkern. Die "deutsche" Frau sollte also für die Ausbreitung der „arischen Rasse“ möglichst zahlreiche Kinder gebären oder wörtlich nach einem Text aus jenen Jahren, „die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und Kinder zur Welt zu bringen. Dafür sorgt der Mann für die Nahrung und wehrt den Feind ab.“

Dadurch waren die akzeptierten Berufsfelder erheblich eingeschränkt, zumal sie weitgehend aus den Rollen von Hausfrau und Mutter abgeleitet waren. Zu den wenigen Ausnahmen zählten die schon früher als typisch weiblich geltenden Berufe wie Krankenschwester, Erzieherin oder Verkäuferin. Auch als Dienstmädchen oder Köchin durften Frauen arbeiten oder als Bäuerin, jedoch keineswegs als Richter. 



             Ausstellung "Die BWK in der NS-Zeit" (Quelle: Förderverein Kämmereimuseum)


Während die NS-Ideologen Schwierigkeiten hatten, die berufliche Rollenrealität vieler Frauen mit ihrem Frauenbild in Einklang zu bringen, beschäftigen sie sich intensiv mit der Rolle der Mutter, die ganz entsprechend dem eigenen Weltbild definiert wurde. Dabei spielten psychologische Aspekte praktisch keine Rolle, wie sie etwa in der angelsächsischen Psychologie mit der Bindungstheorie größere Bedeutung bekamen. Da war man erheblich weniger wissenschaftlich, sondern scheint mehr auf Stammtischvorurteile und Biologismus gesetzt zu haben.

Das blieben nicht nur ideologische Absichtserklärungen und Forderungen. Vielmehr wurde daraus schnell ganz reale Poitik, die in das Leben der Frauen und Familien eingriff. So gab es vom NS-Staat Ehestandsdarlehn, die an ein Ausscheiden der Ehefrau aus dem Berufsleben gekoppelt waren. Auf diese Weise gelang es, gleichzeitig die hohe Arbeitslosigkeit in Folge der Weltwirtschaftskrise von 1929 und die Frauenerwerbsquote zu senken. Das änderte sich Ende der 1930-er Jahre wieder, als die beginnende Kriegswirtschaft Arbeitskräfte in der Rüstungsindustrie benötigte. 


Die Frauen wurden allerdings nicht nur als Ehefrauen und Mütter definiert. Ihnen wurden auch Charaktereigenschaften abverlangt, die den Emanzipationsbestrebungen der Frauen praktisch diametral entgegengesetzt waren. Frauen sollten ihre Fähigkeiten nicht optimal entfalten und Karriere machen, sondern sich durch "Treue, Pflichterfülung, Opferbereitschaft, Leidensfähigkeit und Selbstlosigkeit auszeichnen." Dabei muss man sehen, dass sich hierin nicht etwa ausschließlich Männerfantasien wiederfinden, sondern nicht wenige (Haus-)frauen Hitler gewählt haben und mehr oder weniger wörtlich dem Führer ein Kind geschenkt haben. 


Symbolischer Ausdruck dieses besonderen Mutterkultes war das "Ehrenkreuz der Deutschen Mutter", das am 16. Dezember 1938 per Verordnung vom Führer "gestiftet" wurde. Von seiner Gestaltung her sollte das Mutterkreuz bewusst an das Eiserne Kreuz erinnern, also an eine militärische Auszeichnung für Soldaten der Wehrmacht. Nur gab es diese Auszeichnung nicht für das Töten von Feinden, sondern das Gebären neuer "Volksgenossen". So sprach man analog zum Krieg von der „Geburtsschlacht“, in der die Mütter Erfolge erzielt hatten und die Wiegen wurden bereits „wie ein schlafendes Heer“ gesehen. Wichtig war dabei die Anzahl der Kinder, da das Mutterkreuz in drei Stufen vergeben wurde: in Bronze für vier oder fünf Kinder, in Silber für sechs oder sieben Kinder und in Gold für acht und mehr Kinder.

Dabei zählte allerdings nicht ein Kind wie das andere, denn die Auszeichnung konnten nur arische Mütter erhalten, die nicht als asozial oder "anständig" galten. Diese Einschränkungen führten zu einem großen Interesse an der Verleihung, da keine Mutter mit dem zahlenmäßig sichtbaren Nachwuchs öffentlich moralisch diskriminiert werden wollte.  

Die Mutterkreuzverleihungen wurden wie religiöse Veranstaltungen zelebriert, zu denen spezielle Lieder gesunken, Sprüche vorgetragen und "Weihespiele" aufgeführt wurden. Mit dem Muttterkreuz waren zudem zahlreiche Ehrerweisungen und Vergünstigungen verbunden. So mussten 

Hitlerjungen vor ihnen salutieren, Sitzplatzinhaber ihnen in Straßenbahnen und Zügen ihren Sitzplatz frei machen und bei Veranstaltungen hatten sie das Recht auf einen Ehrenplatz sowie bei Behördengängen den Vortritt in Warteschlangen. 

So sahen zumindest die ideologischen Prämissen aus. Unter den Zwängen des Krieges wurde dann allerdings eine fast diametrale Rollendefinition Realität. Während die Soldaten durch Orden und die Mütter durch Mutterkreuze geehrt wurden, kam es im deutschen Arbeitsleben zu einer zuvor völlig abweichenden Umwälzung. Nicht mehr deutsche Arbeiter und Angestellte hielten die Produktion aufrecht, da sie sich zu einem großen Teil außerhalb des Grenzen des Großdeutschen Reiches aufhielten und dort mit Waffen, Lebensmitteln und Kleidung versorgt werden mussten. Diese Aufgabe mussten seit Kriegsbeginn immer mehr Frauen und Zwangsarbeiter übernehmen. 

Der Zweck musste in dieser für das Regime prekären Situation die Mittel rechtfertigen. Das wurde besonders deutlich, als der Propagandaminister Joseph Goebbels in seiner Sportpalastrede Mitte Februar 1943 zum totalen Krieg aufrief.  Darin wurde das gesamte ideologische Gebäude endgültig über Bord geworfen, als der Minister erklärte, „dass die deutsche Frau fest entschlossen ist, den Platz, den der Mann, der an die Front geht, freimacht, in kürzester Zeit voll auszufüllen“.


Weibliches Engagement in der BWK

Auch wenn es im Vorstand und im Aufsichtsrat der BWK keine Frauen gab, spielten sie dennoch eine Rolle in der Woll-Kämmerei. Das ist nicht nur eine quantitative Aussage, die sich am Frauenanteil unter den Beschäftigten festmachen lässt.

Dafür sprechen mehrere Serien und Einzelartikel, in denen die Redaktion der Werkszeitung "Sir Charles" einzelne Mitarbeiterinnen der BWK porträtierte. Berichtet wurde so speziell über "Frauen in der BWK". Auch in der offenbar gern gelesenen Reihe "Mein schönstes Hobby", in der BWK-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter ihre Freizeitaktivitäten vorstellten fehlten die Kollegin keineswegs. Die Zahl der Folgen spricht hier sehr deutlich für ein großes Leserinteresse. Dabei zeigte sich, dass die Frauen in ihrer Freizeit nicht "nur" Hausfrau und Mutter waren.

Die BWK-Powerfauen fand man hingegen ganz sportlich als Seglerin auf dem Dümmer (Sir Charles,53, S. 7), als Bikerin mit einer BMW R 850 R (Sir Charles, 48, S.7), als Ballonfahrerin (Sir Charles, 42, S. 7), beim Jazz-Schautanz (Sir Charles, 33, S. 7), als Spring- (Sir Charles, 49, S. 7) oder Westereiterin (Sir Charles,32, S. 7) sowie als Bundesligaschiedsrichterin beim Hockey (Sir Charles,53, S. 7). 

Andere betätigten sich als Tierzüchterin etwa der französisch-belgischen Treiberhundrasse "Bouviers de Flandre" (Sir Charles,53, S. 7). Bei diesen Schwerpunkten fällt dann ein eher traditionelles weibliches Hobby wie "Spinnen und Weben" (Sir Charles, 6, S. 7) kaum ins Gewicht. Es erscheint als eine schöne kunsthandwerkliche Ausnahme.  

Frauen aus der BWK waren auch in einem Kulturkreis des Unternehmens aktiv, der nicht den Kunstkonsum, sondern ein "aktives und kreatives Tätigsein" als Ziel ansah. Dabei war der Begriff der Kunst relativ weit gefasst, da sie neben "Malen und Modellieren über das Musizieren und Singen" auch die "Schriftstellerei und das Gedichteschreiben" einschloss. Als besondere Ergänzung zur Kunst im engeren Sinne wollte man sich auch mit der "Geschichte Blumenthals und der Bremer Woll-Kämmerei" beschäftigen. (Sir Charles, 3, S. 5)

Der im Mai 1986 gegründete Kulturkreis konnte im folgenden Jahr bereits eine kleine Ausstellung in der Filiale Blumenthal der Sparkasse Bremen organisieren, in der Werke von Anna Petridou, die als Dolmetscherin für Griechisch auf der BWK gearbeitet hat, Helena Cicirello und Alfred Förster präsentiert wurden. Hier gab hier also einen Bereich, in dem die BWK-Frauen überrepräsentiert waren. Nur ging es dabei eben nicht um Macht, sondern um Kunst.





(Quelle: Sir Charles, Augabe 3, S. 5)


Die Fähigkeiten ihrer Frauen wurden in der BWK jedoch auch in anderen Bereichen außerhalb des direkten Arbeitslebens genutzt. So zählten auch vier Frauen zum elfköpfigen zweiten Redaktionsteam der Werkszeitung "Sir
Charles", das für die Ausgaben ab dem Dezember 1994 verantwortlich war.

Mit Kathleen Ahlers war auch noch eine Frau Mitglied des Redaktionsausschusses der letzten Ausgabe, die im Mai 2005 erschienen ist, also einem Jahr, in dem die BWK AG mit nur noch 184 Mitarbeiten (Geschäftsbericht 2005, S. 13) auch nach Sanierungsbeiträgen der Banken noch rote Zahlen schrieb.




Interpretationsversuche der weißen Wand



Die weiße Wand ist damit keineswegs inhaltleer. Sie kann viel über mehr als ein Jahrhundert Frauenarbeit in Deutschland und innerhalb dieser nationalen Rahmenbedingungen bei der BWK berichten. Gerade eine Einordung der Bilder der Fotoausstellung in den Kontext der deutschen Sozialgeschichte und des
betrieblichen Wandels der BWK kann über Hintergründe und Zusammenhänge aufklären, die ein Foto allein nicht aufdecken kann.

Man muss sehen, dass die weiße Wand eine lange soziale und politische Vorgeschichte besitzt, die das Fehlen von Frauen im Vorstand und Aufsichtsrat der BWK erklärt.

So hätte man sicherlich in den letzten Jahren der AG, als der Ruf nach mehr Frauen in Führungspositionen lauter wurde, große Schwierigkeiten gehabt, überhaupt qualifizierte Frauen zu finden, die sich in einem konkursgefährdeten Unternehmen um ein Führungsamt beworben hätten.

Und auch im Bereich des mittleren Managements sollte man die ganz besondere Aufgaben- und Mitarbeiterstruktur einer Wollkämmerei nicht übersehen. Das Gros in der Produktion stellten angelernte ArbeiterInnen. Hinzu kamen die Meister und Angehörige handwerklicher Berufe, die vor allem für Reparaturarbeiten in speziellen Werkstätten auf dem BWK-Gelände zuständig waren.

In der Verwaltung waren kaufmännische Angestellte tätig, während die Positionen im mittleren und höheren Management vorwiegend mit Universitätsabsolventen besetzt waren, die vorher noch ein Volontariat oder eine anderer Form von praktischer Ausbildung bei auswärtigen Kämmereien oder in anderen Bereichen der Wollwirtschaft absolviert hatten. Insgesamt muss man daher von einer deutlichen Grenze zwischen dem Management und der Belegschaft sprechen, die Übergänge durch eine Qualifizierung der eigenen MitarbeiterInnen nicht gerade erleichterte.

Auch sollte man beachten, dass eine Wollkämmerei nicht mit einer Näherei oder einigen anderen Unternehmen in der Textil- und Bekleidungsindustrie vergleichbar ist. So erreichten die Frauenanteile unter den Beschäftigten bei der BWK nicht die in Nähereien. Das galt vor allem, als die Sortierung immer stärker abgebaut wurde, da die Sortierarbeiten bereits in den Wollausfuhrländern ausgeführt wurden. Damit fiel der Frauenanteil auf ca. 40 % und im Zuge der weiteren Automatisierung der Produktion auf nur etwa 10 %.

Es zeigt sich damit deutlich, dass in der Produktion vor allem technisch versierte Mitarbeiter benötigt wurden, also Fachkräfte für Arbeitsaufgaben, die bei Frauen zumindest früher nicht besonders beliebt waren.

Die weiße Wand resultiert damit aus den historischen Unterscheidungen zwischen Männer- und Frauenberufen mit den jeweils unterschiedlichen Tätigkeits- und Entlohnungsstrukturen, wobei die BWK kein Unternehmen mit einem besonders hohen Frauenanteil war, wie man sie sonst in der Textil- und Bekleidungsindustrie findet. 

Da die Auflösung des Unternehmens noch vor dem eigentlichen Beginn der Debatte über die Frauenquoten in Vorständen und Aufsichtsräten erfolgte, hat sich vermutlich niemand bei der BWK Gedanken über eine Diversifikation des Managements gemacht. Hier dürfte für alle der Kampf gegen den betriebswirtschaftlichen Tod wichtiger gewesen sein.

Gleichwohl kann man auch durchaus Hinweise auf eine frühe Form von Frauenförderung finden, und zwar weniger bei der Vertretung der Arbeitnehmer, wenn man an die Zusammensetzung des Betriebsrates denkt, als bei der Prokuraerteilung an zwei Mitarbeiterinnen (Sir Charles, 13, S. 4). 

Andere Frauen waren sogar Miteigentümerinnen der Aktiengesellschaft, wenn auch aufgrund ihrer begrenzten Aktienzahl ohne großen Einfluss auf die Mehrheiten in der Hauptversammlung. So fand die Mitarbeiterzeitung "Sir Charles" auf der BWK-Hauptversammlung im Jahr 1988 eine Aktionärin, mit der sie ein Interview über die Situation des Unternehmens führte (Sir Charles, 8, S. 2).



Quellen:

Bahr, Albrecht-Joachim, Idylle - selbst zu Zeiten des Krieges? "Frauen auf der BWK" stehen im Mittelpunkt einer neuen Ausstellung des Fördervereins Kämmereimuseum, in: Norddeutsche vom 6.8.2015.


Becker, Andreas, Vom harten Leben der "Wollmäuse". Am Internationalen Frauentag: Frauenarbeit auf der Nordwolle. Führung durchs Fabrikmuseum, in
Delmenhorster Kurier vom 10.3.2003.


Bendel, Carolin, Die deutsche Frau und ihre Rolle im Nationalsozialismus, in: Zukunft braucht Erinnerung vom 
3. 10.2007.


Buschmann, Ulf, Persönliche Stadtteil-Geschichte. Frauen auf der BWK: Margot Körber erinnert sich an das Leben ihrer Mutter Anneliese Sendler, in: Norddeutsche vom 18.08.2015. 


Drieling, Regina, Unverzichtbare Frauen. Ohne Arbeiterinnen wäre die BWK undenkbar gewesen / Ausstellung ab 6. August, in: BLV vom 5.8.2015, S. 3.


Ellerkamp, Marlene, Industriearbeit, Krankheit und Geschlecht. Zu den sozialen Kosten der Industrialisierung. Bremer Textilarbeiterinnen 1870 – 1914. Göttingen 1991.
Friedrichs, Doris, Im Wechsel der Zeiten. Fotodokumentation über Frauenarbeit bei der Bremer Wollkämmerei, in: kreiszeitung vom 17.08.2015.

Leohold, Volkmar, Die Kämmeristen. Arbeitsleben auf der Bremer Woll-Kämmerei, Hamburg 1986.

Matthes, Katrin, Leben in einer Stadt in der Stadt. Berthold Bellersen, ein ehemaliger Angestellter bei der Delmenhorster Nordwolle, führt über das Fabrikgelände, in: Weser-Kurier vom 12.5.2006.


NN, Was unsere Frauen interessiert. Kleines ABC der Mäntel, in: Sir Charles. Ausgabe 2 von 1987, S. 6.

NN, Flinke Hände und ein sicheres Auge (Frauen in der BWK), in: Sir Charles. Heft 3 von 1987, S. 5.

NN, Frau oder Fräulein, in: Sir Charles, Heft 13 vom Mai 1990, S. 4.

NN, Frauen in der BWK. Heike Hübner: Manchmal muss ich Blitzableiter sein, in: Sir Charles, Heft 13 vom Mai 1990, S. 4.

NN, Marga Schikora: Frauen in de BWK. Schon mal was von Ustern gehört?, in: Sir Charles, Heft 14 vom Dezember 1990, S.3.

NN, Frauen in der BWK. Ölerinnen Zwei halten noch die Stellung, in: Sir Charles. Heft 15 vom Juni 1991 , S 3.

NN, Von früher: Das historische Bild. Frau packte an, in: Sir Charles. Heft 47 vom Dezember 2000.


Oelfken, Tami, Maddo Clüver, Düsseldorf 1956.


Weber, Gerd, "Wir waren grau und schnell wie die Mäuse". Ruth Müllers Leben ist mit der Nordwolle verbunden, in: Delmenhorster Kurier vom 3.12.2004.

Weyrather, Irmgard, Muttertag und Mutterkreuz. Der Kult um die "deutsche Mutter" im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 1993

Montag, 3. August 2015

BWK: Einblicke: Frauen auf der BWK







E I N B L I C K E


S O N D E R A U S G A B E  Nr. 3

 



anlässlich unserer Ausstellung




Frauen auf der BWK



Eine bebilderte Zeitreise über mehrere Jahrzehnte Frauenarbeit


Vom 6. bis 23. August jeden Di., Do. und So. von 14 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr!) in der ehemaligen Bibliothek von Bremen-Blumenthal, Landrat-Christians-Str. 109

Eintritt ist frei!


Liebe Mitglieder,

es ist wieder soweit! Wenn andere auf Reisen gehen, präsentieren wir für die Daheimgebliebenen nichts Geringeres als Erinnerungen an die Zeit auf der BWK und den „ganz besonderen Flair“ im Arbeits- aber auch im privaten Leben.

Da Sie nicht im Internet zuhause sind und daher unseren „Werbevideofilm“ nicht sehen können, haben wir Ihnen die entsprechenden Informationen aus dem Videofilm hier nachlesbar textlich dargestellt – leider ohne musikalische Untermalung.

Hier nun ein paar Ausschnitte von den Bildfolgen aus dem Video:

Ausstellungsort: Landrat-Christians-Str. 109 (hier über 150 Bilder an den Wänden!)
    




Unsere Themen:

Frauen

. . . in der Produktion






. . . bei konzentrierter Arbeit




. . . in der Sortierung




. . . unter sich und in geselliger Runde





. . . aus Griechenland bereichern die BWK und Blumenthal






Mit vielen Erläuterungen von Anna Konstantinidou, geb. Petridou (s. u. Bild im hellen Kostüm)


. . . beim Betriebssport






. . . in Führungspositionen



Lassen Sie sich überraschen!



Auf unserem TV-Monitor:

Anneliese Sendler – Eine behütete Jugend zwischen BWK und Blumenthaler Aue

Heinrich Sendler, technischer Zeichner und begeisterter Hobbyfotograf auf der BWK, muss ein ganz inniges und außergewöhnliches Verhältnis zu seiner Tochter Anneliese gehabt haben. Genießen Sie seine wunderschönen Fotos von seiner Tochter und von der schönsten und liebenswerten Seite Blumenthals in einem 20 minütigen Video in unserer Ausstellung.

Hinweis:

Anneliese Sendler heiratete 1947 den Kammmeister Helmut Zimmer. 1948 wurde ihre Tochter Margot und 1949 ihr Sohn Helmut (!) Zimmer geboren. Margot Körber wird den interessierten Besuchern am 16. August um 17 Uhr über das Leben ihrer Mutter, Anneliese, und ihres Großvaters, Heinrich Sendler, berichten.


Vortragsreihe im Rahmen unserer Ausstellung „Frauen auf der BWK“


18. August um 11 Uhr

Frauen am Bremer Arbeitsmarkt

Dr. Esther Schröder
Arbeitnehmerkammer
Referentin für Gleichstellungspolitik

„Männer und Frauen sind gleichberechtig“. So steht es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Doch wie sieht die Realität für Frauen aus, vor allem in der Arbeitswelt? Wie stellt sich in Bremen die Situation von Erwerbsarbeit, Arbeitslosigkeit und Altersarmut im Geschlechtervergleich dar? Der Vortrag informiert in der Lebensverlaufsperspektive über Berufswahlverhalten junger Frauen, über typische Frauenberufe und Beschäftigungsverhältnisse in Bremen, über Probleme weiblicher Arbeitslosigkeit, über Armutsrisiken für Alleinerziehende und im Alter. So wie einst in der Wollkämmerei sind und bleiben Existenzsicherung sowie Vereinbarkeit von Familie und Beruf die zentralen Themen für erwerbstätige Frauen.



20. August um 19 Uhr

Arbeitsplätze und was noch? Angebote von Unternehmen für Frauen heute im Land Bremen

Bärbel Reimann

Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau
-Frauen in Arbeit und Wirtschaft-



EINBLICKE gibt einen Ausblick:


Tag des offenen Denkmals auf der Historischen Achse am 13. Sept. 2015! Unsere Ausstellung ist von 10 bis 18 Uhr geöffnet; Oldtimer-Speicher (altes Kammzuglager) von 11 bis 18 Uhr. Der Besuch lohnt sich!

Empfehlung: Testen Sie auch unseren am 1. Sept. in Betrieb gehenden Phone Guide!


Verteiler:

Nur an Vereinsmitglieder ohne Email-Anschluss!


Geschäftsführender Vorstand:

1. Vorsitzender: Detlef Gorn 2. Vorsitzender: Peter Wieczorek

Kassiererin: Monika Gorn Schriftführerin: Gabriele Schüssler

Kontakt: Tel. 04 21 – 60 52 71 Mail: dgorn@t-online.de


erstellt: Detlef Gorn, 1. Vorsitzender
Erscheinungsdatum: 30.07.2015 

Mittwoch, 15. Juli 2015

BWK: Museum, virtuell


Vorüberlegungen zu einem virtuellen BWK-Museum:




Ein digitaler Lernort mit sozialer Bodenhaftung 


Der Förderverein Kämmereimuseum plant ein „digitales“ Museum, das ein „außerschulischer Lernort“ sein soll. Diese Begriffe sind inhaltlich bisher wenig festgelegt. Daher sollen hier mögliche Konkretisierungen aufgezeigt werden, wie auf der Grundlage der digitalisierten Materialien des Vereins Fragen aus dem Bereich „Schafe – Wolle – Mode“ erarbeitet und beanwortet werden können.

Ein weiterer Vorschlag bezieht sich auf ein ergänzendes Mitmach-Museum, in dem die Besucher selbst sinnliche Erfahrungen mit der Verarbeitung von Rohwolle machen und Einblicke in das Schaffen von Kunsthandwerkern gewinnen können, die das Material Wolle verwenden.




Damit könnte das BWK-Museum in Blumenthal eine Einheit aus einem Erinnerungs-, einem virtuellen und einem Mitmach-Bereich werden, die sich gegenseitig ergänzen und den Erwartungen zahlreicher potenzieller Besucher entsprechen.



                                        BWK-Sortiergebäude 43/44 (Quelle: Förderverein)



Museen als Räume für lebenslanges Lernen


Sammlungen „materieller Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt“, die „beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt gemacht und ausgestellt“ werden, also die Institutionen, die man üblicherweise Museen nennt, sind einem erheblichen Legitimationsdruck ausgesetzt, wenn sie nicht über einen großzügigen Sponsor oder Mäzen verfügen.

In Zeiten leerer öffentlicher Kassen und einer Vielzahl anderer Aufgaben, die ebenfalls Steuergelder erfordern, können sie sich nicht auf die Patina oder auch den Staub einer langen Tradition verlassen, sondern müssen ihre Ausgaben für die Gebäude, das Personal sowie aktuelle Ausstellungen und ein modernes Marketing rechtfertigen und begründen. Dazu ist es erforderlich, ihre Leistungen für die Gesellschaft herauszustellen. Dabei können sie sich nicht mehr ausschließlich auf die Highlights einmaliger Sammlungen verlassen, die einem bekannten Museum früher bereits eine Bestandsgarantie verschaffen. Auch die positiven Urteile von Museumsfachleuten sind nicht vorrangig gefragt, sondern mehr und mehr werden die Besucherzahlen herangezogen. Museen müssen sich daher darum bemühen, die Erwartungen und Wünsche potenzieller Besucher zu erkennen und ihre Sammlung, vor allem jedoch die Vermittlungsarbeit entsprechend auszurichten. Es reicht daher nicht mehr, sich auf die eigene Tradition oder die Einmaligkeit einzelner Exponate zu verlassen.

Daher erhält zumindest aus der Sicht der Öffentlichkeit seit den 1970_er Jahren die Museumspädagogik einen wachsenden Stellenwert, da die „Aura des historischen und künstlerischen Originals“ (Paatsch) in der Regel nicht für sich selbst spricht, sondern die meisten Museumsbesucher eine didaktische Unterstützung benötigen, um Exponate beurteilen und einordnen zu können.

Damit wurde das Museum als Lernort entdeckt, für den nach und nach eine Reihe von didaktischen Methoden entwickelt wurden, die sich mehr oder weniger eng an die Schul- und Erwachsenenpädagogik anlehnen. Das zeigt exemplarisch der Versuch, die klassische Museumsführung als ‘Frontalunterricht im Gehen’ zu kennzeichnen und durch neue interaktive Formen der Vermittlung zu ergänzen und zu ersetzen. Das führte auch zu einer veränderten Sicht der Exponate, die nicht mehr als einmalige Kunstwerke oder Raritäten verehrt wurden, sondern von ihrem hohen Podest gerückt und sich einer Diskussion mit den Besuchern stellen mussten, die nicht in jedem Fall besonders sachkundig ist. Die Museumsmitarbeiter konnten bei dieser Entwicklung der Museen von Musentempeln zu profanen Lernorten nicht selten erstaunt feststellen, dass der Durchschnittsbesucher eine Reihe grundlegender Lernsequenzen benötigt.


Um diese Defizite zu schließen, wird daher beispielsweise im Bremer Focke-Museum (Hohlfeld) ein Mediaguide zur Verfügung gestellt, über den die Besucher entsprechend ihren Vorkenntnissen und Interessen Zusatzinformationen abrufen können. Auch hat man Eigenaktivitäten der Besucher in das Vermittlungsprogramm aufgenommen. Daher kann man etwa im Anschluss an das Thema „Bremen im Mittelalter“ auf Wachstafeln schreiben, Stadtsiegel gießen und Pilgerzeichen herstellen.



                                            Focke-Museum in Bremen


Speziell für Kinder und Jugendliche wird seit 2003 mit „Fockes Labor“ ein Experimentierraum angeboten, in dem selbständig und spielerisch an Originalen wie mittelalterlichen Keramikfragmenten, archäologischen Knochenfunden, historische Münzen und typischen Möbelhölzern ge

forscht werden kann. Dabei gilt die für Museen nicht gerade selbstverständliche Aufforderung: Bitte berühren! Die Ergebnisse dieser praktischen Untersuchungsarbeiten, also etwa restaurierte Keramikscherben oder mit Stempel und Hammer geprägte Münzen können anschließend mitgenommen werden.

Ein weiterer eigener Aktionsraum steht mit dem Studio Focke zur Verfügung, in dem man Puppen basteln und Puppenspiele aufführen, technische Anlagen mit Stabilbaukästen oder Legosteinen konstruieren, mit Sichttelegraphen und Morseapparaten kommunizieren und selbstkonstruierte und programmierte Roboter einsetzen kann.

Damit ist das Museum also heute nicht mehr eine Ausstellungsfläche für einmalige Exponate, sondern ein Raum, in dem die Besucher entsprechend ihren jeweiligen Präferenzen forschen und lernen können
.


Die Herausforderungen des Internetzeitalters



Mehr und mehr haben die Museen inzwischen sogar das Monopol für einen Blick auf ihre Exponate verloren. Zumindest im Bereich der Kunstmuseen zeigt das google-Unternehmen „Art Project“ die Möglichkeiten des Internets im musealen Bereich. Dieses Internetangebot stellt seit dem 1. Februar 2011 die Exponate bekannter Kunstmuseen ins Netz. Inzwischen beteiligen sich daran der 325 Museen vom Akropolis-Museum in Athen bis zum Museum of Modern Art (MoMa) in New York.




                                                                Art Project

Auf diese Weise kann man heute beispielsweise Rembrandts „Nachtwache“,
Botticellis „Geburt der Venus“ oder Raphaels „Sixtinische Madonna“ in aller Ruhe auf einem Monitor überall dort betrachten, wo man dazu Muße und Lust hat. Und das alles ist ohne lange Anreise und ein störendes Gedränge vor den Gemälden möglich, ja, man kann sogar die Werke desselben Künstlers oder eines Themenbereichs vergleichen, auch wenn sie sich in Museen befinden, die Tausende Kilometer von einander entfernt sind. Man muss also auf diese Möglichkeiten nicht mehr warten, bis vielleicht ein einziges Mal während des eigenen Lebens eine lange vorbereitete Sonderausstellung eine solche Synopse ermöglicht.


Diese Euphorie über das virtuelle Museum ist dabei durchaus gerechtfertigt, auch wenn Bücher oder Videos prinzipiell ähnliche Vergleiche ermöglichen. In diesen Fällen hat jedoch die google-Webseite mit ihrem virtuellen Angebot zumindest rein technische Vorteile, da aufgrund der Zoomfunktion die Maltechnik erheblich besser analysiert werden kann als beim Original. So hat der Direktor der eingeräumt, dass auf diese Weise sogar bisher unbekannte Details eines Gemäldes entdecken lassen.

Virtuelle Gemäldesammlungen bieten zudem noch einen Vorteil, dass sie jedem Kunstfreund eine Freude machen können, die sich sonst nicht einmal Milliardäre erfüllen kann. Man kann seine Lieblingsbilder in einem eigenen virtuellen Museum aufhängen und sie sich immer dann ansehen, wann man es gerade möchte. Und das ohne Anschaffungs- und Versicherungskosten und vor allem die Ängste vor Kunsträubern. Auch kann man diese Privatsammlungen anderen zeigen und damit etwas über die eigenen Kunstpräferenzen preisgeben

Diese virtuellen Kunstmuseen haben verständlicherweise zu einer breiten Diskussion der Vor- und Nachteile der klassischen Museen geführt, die voller Stolz bisher auf ihre einmaligen Schätze geführt. Die Vertreter der Kunstmuseen haben daher zwar die Qualität der extrem hochauflösenden Reproduktionen bewundert, aber gleichzeitig darauf verwiesen, dass das direkte, dreidimensionale Erleben der Kunstwerke damit nicht vergleichbar sei.


So sehen es die Fachleute. Für viele Besucher realer Museen können jedoch virtuelle Ausstellungen ebenfalls das Erleben realer Kunstsammlungen nicht ersetzen, wobei hier auch die Vorbereitung und der Gang durch die Ausstellungen mit allem Drum und Dran als Einheit gesehen und beurteilt wird. Das ist etwas anderes und für viele ein wichtiges Mehr gegenüber einem komfortablen Blick auf einen Monitor, der die detaillierte Betrachtung einmaliger Kunstwerke rasch jederzeit ermöglicht und damit zu einem beliebigen Alltagsereignis macht.

Diese Beurteilung lässt sich auch durchaus erklären, wenn man den Besuch eines Museums als in besonderes Event sieht. Dann handelt es sich um eine „einzigartige Mischung aus Bilden und Genießen“, wobei sich in einem Museum „Wissen und Vergnügen“ besonders nahekommen. Das kann dann kein „flüchtiger Elektroimpuls“ ersetzen, weil er „die Sehnsucht nach Orten des Bleibens, nach Orten“ nicht stillen kann, „an denen die Dinge noch als Dinge zu besichtigen sind, ganz handfest, real und authentisch.“ (Rauterberg)

Dieses Aussage über das Erleben von realer Kunst gilt, wenn auch vermutlich weniger ausgeprägt, für andere Museen, wie in einer Untersuchung über Freilichtmuseen festgestellt wurde. Hier erlebt das Publikum seinen Besuch als eine eine ausgesprochene Freizeitaktivität und möchte „Einen schönen Tag verbringen!“ (Paatsch)

Für die Besucher ist daher der Gedanke der lebenslangen Lebens, wie es die Museumspädagogik versteht, ein Motiv, das nicht an erster Stelle steht. Museen, die ihren Besuchern etwas bieten wollen, müssen daher Lernorte sein, an denen die Besucher nicht nur Fragen beantwortet erhalten und sich in Themenbereiche einarbeiten können, sondern auch etwas Besonderes und Erzählenswertes erleben. Dabei dürfte sich die Art des eindrucksvollen Erlebnisses von den jeweiligen Erwartungen der einzelnen Besucher abhängen. So kann es für den einen die durch Fotos aufgefrischte Erinnerung an das vergangene Arbeitsleben, für andere die Lösung spannender offener Fragen über die aktuelle Entwicklung auf dem Wollmarkt sein die kreative Arbeit mit Wolle sein und für wieder andere ein gelungenes Gesamtangebot verschiedener musealer Teilbereiche .



Das Kämmereimuseum Blumenthal: eine Einheit aus drei musealen Zugängen


Eine Neugründung wie sie ein Blumenthaler Kämmereimuseum darstellt, hat einen großen Vorteil. Sie kann ohne den Ballast einer musealen Vergangenheit starten und ein Konzept entwickeln und umsetzen, das den aktuellen Überlegungen zu Museen im medialen Zeitalter gerecht wird.

Dabei muss man sich auch nicht von einem Fundus leiten lassen, der allein aufgrund seiner Einzigartigkeit eine herausragende Präsentation verlangt und damit alle weiteren Detailentscheidungen beeinflusst.

Das ist in Blumenthal nicht der Fall, wo man zwar auch von den vorhandenen Exponaten ausgehen muss, die sich allerdings ohne große Einbußen bei ihrer Authentizität digitalisieren lassen, was auch bereits größtenteils Geschehen ist. Das Museum kann sich daher vor allem im Hinblick auf zukünftige Besucher und deren Interessen orientieren.

Dabei lassen aufgrund der bisherigen Arbeit des Fördervereins und den empirischen Ergebnissen von Untersuchungen über die Präferenzen heutiger Museumsbesucher drei unterschiedliche Zugänge herausstellen, die jedoch keineswegs isoliert nebeneinander stehen, sondern sich vielmehr sinnvoll ergänzen.

Die bisherigen Besucher der Sonderausstellungen und Präsentationen, die der Förderverein Kämmereimuseum bereits veranstaltet hat, wollten vor allem ihre Erinnerung an die BWK-Zeit auffrischen und sich darüber informieren, was aus alten Gebäudeteilen inzwischen geworden ist. Man kann daher von einem Erinnerungsmuseum sprechen, dessen Adressaten man vor allem in der Region Bremen Nord, aber auch auf der gegenüberliegenden Seite der Weser findet. Dabei steht die Beschreibung einzelner Ereignisse und ehemaliger BWK-Mitarbeiter im Mittelpunkt des Interesses.


Diese Deskription von Details begrenzt damit das Angebot. Generelle Zusammenhänge, die damit auch die Erinnerungen in einem allgemeineren Hintergrund sehen, kann ein virtuelles Museum herausstellen, das auf dem digitalisierten Fundus aus der BWK-Geschichte aufbaut, aber gleichzeitig die vielfältigen Möglichkeiten des Internets nutzt. Dadurch lassen sich, wie hier im Einzelnen dargestellt werden sollen, Themenbereiche erarbeiten, die einerseits für das Verständnis der Geschichte und des Endes der Bremer Woll-Kämmerei von Bedeutung sind, andererseits jedoch auch so allgemein sein können, dass sie für einen erheblich weiteren Nutzerkreis von Interesse sein können.

Die Leistung eines derartigen virtuellen Museums besteht in seinem einzigartigen Informationsangebot, die allerdings auch deutliche Grenzen besitzt. Der Nutzer kann sich zwar viel Wissen über Schafe, Wolle und Mode dank der Unterstützung durch das Museum erarbeiten, aber er kann damit noch nicht mit allen seinen Sinnen erleben, wie Rohwolle gewaschen, kardiert und gekämmt wird bzw. wie man aus Rohwolle Gebrauchsgegenstände oder auch kleine Kunstwerke herstellen kann. Dazu ist ein Mitmach-Museum als dritter Teil des Kämmereimuseums erforderlich, indem die Besucher die einzelnen Arbeitsschritte mit dem entsprechenden Handwerkszeug, das vom Museum zur Verfügung gestellt wird, selbst ausführen können.

Auf diese Weise kann ein Museumsbesuch zu einem Erlebnis werden, wenn man sich selbst ein kleines Souvenir als Erinnerung herstellen kann.

Ähnlich wie die beiden anderen Teile des Museums muss es sich dabei jedoch nicht um eine eher einmalige Möglichkeit handeln. So wie man im virtuellen Bereich nach und nach verschiedene Themenfelde bearbeiten kann, ist auch der Beginn eines kunsthandwerklichen Hobbys denkbar. Dazu können beispielsweise Kurse beitragen, in denen Interessierte verschiedene Formen der Wollbearbeitung erlernen und kreativ anwenden.

Einen Überblick über diese drei Teilbereiche eines Kämmereimuseums, das dem vorhandenen Fundus und den Anforderungen des Medienzeitalter gerecht wird, bietet die folgende tabellarische Darstellung. Darin stehen die unterschiedlichen Zielsetzungen der drei Zugänge im Vordergrund. Die gemeinsame Klamme ist dabei das Themenfeld Wolle und Wollverarbeitung, während die drei Tätigkeiten „erinnern“, „informieren“ und „bearbeiten“ die notwendige Ergänzung innerhalb eines einzigen Museums herausstellen.


Teilbereiche und Funktionen eines Blumenthaler Kämmereimuseums

Merkmale
Erinnerungs-
museum
Virtuelles
Museum
Mitmach-
museum
ExponateOriginale und Kopien und aus der BWK-ZeitDigitalisierte Exponate des Erinnerungs-museumsWerkzeuge und Maschinen für die Bearbeitung von Wolle
Umfang der SammlungVorhandener BestandErgänzung durch InternetangeboteVorhandener Bestand
Zentraler
Adressatenkreis
Ehemalige BWK-Mitarbeiter und ihre AngehörigenSchüler und Studenten, die sich mit den Themen Schafe, Wolle und Mode beschäftigenHandwerklich und künstlerisch am Arbeiten mit Wolle Interessierte
BesuchsmotivationAuffrischen von ErinnerungenRascher Zugang zu InformationenKreatives Arbeiten, soziale Kontakte
LernzieleWiedererkennen und Verstehen des eingetretenen WandelsAnalyse und Beurteilung von Zusammenhäng-en und ProblemenAnwenden der Werkzeuge bei der Wollbearbeitung



Teilbereiche und Funktionen eines Blumenthaler Kämmereimuseums



Das vom Förderverein Kämmereimuseum für Bumenthal geplante Museum will und kann keine Konkurrenz zu dem Industriemuseum im benachbarten Delmenhorst werden. Dafür fehlen allein bei den Exponaten die Voraussetzungen, da in Blumenthal keine größeren Maschinen der geschlossenen Kämmerei mehr vorhanden sind. Die modernen wurden nach China verkauft und transportiert, einige ältere dem Bremer Focke-Museum übergeben und einige alte Loks hat bereits die BWK-Geschäftsleitung, die ja keine spätere museale Nutzung im Auge haben konnte, an einige Interessenten verschenkt.

Das muss jedoch kein Nachteil sein, wenn anstelle eines klassischen Industriemuseums, das sich in Delmenhorst auf die Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei oder kürzer die Nordwolle konzentriert, ein alternatives Konzept tritt, das weniger auf imposante Objekte setzt, sondern moderne Medien intelligent nutzen will, um gezielt ein breiteres Publikum anzusprechen. Das gilt nicht nur für das ganz reale Industriemuseum in Delmenhorst, sondern auch für dessen ausführlichen Internetauftritt, für den ein Arbeitskreis Fabrikmuseum verantwortlich ist.


Der digitale Fundus 


Inzwischen verfügt der Förderverein bereits über einen Grundfundus an digitalen Angeboten, der stetig erweitert wird. Hierzu zählen:


- eine Sammlung von Fotos, zu denen teilweise Erläuterungen der Fotografen vorliegen
, sowie von ca. 500 Schriftstücken, bei denen es sich vor allem um Zeitungsartikel handelt, 


- eine hochauflösende ScanDatei von 50 historischen Lageplänen, die der Verein als Gegenleistung vom Staatsarchiv erhalten hat, nachdem er die Originale dem Archiv zur sicheren Verwahrung übergeben hat,


- Zeitzeugenbefragungen in Form narrativer Interviews, in denen vor allem ehemalige Beschäftigte von ihrem Arbeitsleben in der BWK erzählen, 



- eine vollständige Sammlung aller 62 Ausgaben der Werkszeitung "Sir Charles", die zwischen Ende 1986 und Mai 2005 erschienen sind, für die seit Ende 2012 auch ein Register vorliegt, das die Suche nach einzelnen Artikel bzw. Themen erleichtert 



- eine Sammlung von Geschäftsberichten der BWK, die gegenwärtig vervollständigt und digitalisiert wird. Diese Arbeit soll bis Ende 2014 abgeschlossen sein.


Diese Angebote sind bisher nur auf Anfrage zugänglich und könnten sowohl intern in einem virtuellen Museum benutzt werden als auch über das Internet abrufbar werden.

Dabei stellt sich die Frage der Kostenfreiheit, die vermutlich mit einem staatlichen Finanzier des Museums abgeklärt werden muss. Immerhin wird sogar von einer Aktionärsschutzvereinigung wie der SdK neben einem Mitgliedsbeitrag für den Abruf alter Geschäftsberichte, sofern sie nach 1999 veröffentlicht wurden, eine Gebühr von ca. 30 € für einen Monat erhoben.

Weiterhin liegen für die BWK zwei externe Archive vor, und zwar für Auszüge aus Geschäftsberichten und Artikeln der Wirtschaftspresse
 für den Zeitraum 1911 bis 1944 bei der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften sowie für die Versionen der alten Webseiten des Unternehmens beim Internet Archive.

Daneben besteht ein kostenfreier Internetzugang zu einer Sammlung von Artikeln zur BWK, in denen verschiedene Themenbereiche angesprochen werden. Dadurch wird auch versucht, einige umfangreiche und nicht immer ganz leicht lesbare Dokumente aus den Archiven für ein breiteres Publikum aufzuarbeiten.


Die Geschichte der BWK



01 Die Bremer Woll-Kämmerei (BWK). Gründung, Aufstieg und Siechtum eines weltumspannenden Wollkonzerns. Ein Überblick


02 Die BWK im Kaiserreich: Gute Dividenden, aber wenig publizierte Informationen 

03 Vor, in und zwischen den Weltkriegen: Die BWK im Kampf gegen Inflation, volatile Preise, Devisenmangel und Kriegsfolgen 

04 Die BWK in den Jahren des Wirtschaftswunders und der Rationalisierung. Die Jahre zwischen der Währungsreform und der ersten Nachkriegsrezession

05 Erfreuliche Erträge trotz DM-Aufwertungen, geringeren Lohnaufträgen und Konsumentenzurückhaltung. De BWK in den 70_er und 80_er Jahren

06 Die BWK in der globalisierten Wollwirtschaft: Vom Blumenthaler Stammwerk zur BWK-Gruppe (1993 – 2000)

07 Schwarzer oder weißer Ritter? Die Elders-Jahre der BWK


08 Lieb, teuer und gefährlich: der Kämmereistandort Blumenthal. Kritische Fakten und die Sicht der Werkszeitung „Sir Charles“


Wirkung und Nachlass der BWK 



09 Blumenthal – ein fast siamesischer Zwilling der BWK

10 Innovative Sondermüllentsorger: Pfiffige Ideen oder Problemkinder der BWK?

11 Eine Herausforderung für die Städtebaukunst: Die Zukunft des Betriebsgeländes und der Gebäude der BWK


12 Die Werkszeitung Sir Charles: Ein lebendiger Rückblick auf zwanzig Jahre BWK-Geschichte (1986-2005)

13  www.bwk-bremen: Vom Leben und Sterben der Bremer Woll-Kämmerei in den Weiten des Internets

Die museale Aufarbeitung der BWK-Geschichte


14 Die BWK und die Geschichte der Wollindustrie: real und museal 


15 „Dem Werk ein Denkmal setzen!“ Die ersten Jahre des Fördervereins Kämmereimuseum Blumenthal e. V.

16 Vorüberlegungen zu einem virtuellen BWK-Museum: Ein digitaler Lernort mit sozialer Bodenhaftung


Davon konnten die Beiträge 02, 04, 05 und 08 bisher noch nicht abgeschlossen werden, da zusätzliche notwendige Quellen fehlen. Dazu gehören vor allem einige weitere Geschäftsberichte.



Der Raumbedarf eines virtuellen BWK-Museums


Auch wenn heute riesige Mengen von Informationen auf fast unsichtbar kleinen Speichermedien Platz finden, benötigt auch ein virtuelles Museum Platz und Räume, denn schließlich sollen die Daten nicht nur archiviert werden. Vielmehr will und muss ein Kämmereimuseum an einem historischen Standort mehr sein als ein Server an einem beliebigen Standort irgendwo auf dem Globus. Es soll daher speziell die Bremer Woll-Kämmerei und die Schritte der Wollverarbeitung, durch die aus Rohwolle Kammzüge und anschließend Garn und Stoffe werden, auch erlebbar machen. Dafür reichen Monitior, auch wenn wenn sie qualitativ noch so gut ist, allein zumindest bisher noch nicht aus. Das Museum braucht daher eine ganz reale Ergänzung, um ihm zusätzlich eine lokale Bodenhaftung und einen praktischen Erfahrungsbereich zu geben.

Ergänzend zu den bisherigen Räumen, die vor allem für die Exponate aus der BWK-Zeit erforderlich sind, wie sie für ein klassisches Museum typisch sind, benötigt ein virtuelles Museum mit einem festen räumlichen Standort, wie es hier vorgeschlagen wird, einige zusätzliche Räumlichkeiten, die hier kurz beschrieben werden sollen.


Der BWK-Treffpunkt: Ein Platz für Erinnerungen und Gespräche


Eine gute Verbindung zwischen den Erwartungen, die vor allem die ehemaligen Mitarbeiter der BWK und ihre Kinder und Enkelkinder an ein Kämmereimuseum in Blumenthal richten, und neuen Besuchersegmenten, die durch die hier vorgestellte Ausrichtung des Museums zusätzlich angesprochen werden sollen, kann ein Eingangsbereich leisten, der als Treffpunkt gestaltet ist und möglicherweise vom Mobiliar her an das alte Betriebsrestaurant erinnert.

Denkbar ist eine offene Museums-Stube, in der sich noch lebende Mitarbeiter und andere Interessierte austauschen können und in der historische Geräte und Bilder an Blumenthals industrielle Vergangenheit erinnern. Auf diese Weise kann ohne Schwellenängste bei einem Kaffee oder Tee die Erinnerung im Kreis der Ehemaligen aufgefrischt und zugleich von den anwesenden BWK-Experten eine Einführung für neue Besucher übernommen werden.




                               Modell der Bremer Innenstadt im Focke-Museum


Dieser Eingangsbereich könnte auch ein guter Standort für ein Modell der BWK und zumindest der Teile Blumenthals sein, in der die Wollkämmerei ihre Werkswohnungen errichtet hatte. Besucher könnten dadurch vor ihrem Gang durch das Museum einen visuellen Überblick über die hier thematisierte Fabrikstadt an der Unterweser gewinnen.


                        BWK-Betriebsrestaurant 1998 (Quelle: Sir Charles (Förderverein))


Das Herz: Monitore für das digitales 
Recherchieren


Anders als in herkömmlichen Museen, wo Monitore mit einem breiten Datenfunds oder gar einem Zugang zum Internet eher ein Mauerblümchendasein fristen, stehen sie in einem virtuellen Museum im Mittelpunkt, da sie als wichtiges Angebot an Schulen, Arbeitsgruppen der Erwachsenenbildung und einzelne Interessierte gedacht sind. Hier sollen der digitalisierte Fundus des Vereins sowie ausgewählte Internetangebote leicht zugänglich sein und sich daher thematisch in einer angemessen Zeit aufarbeiten lassen.

Von der Größe her müsste daher Platz für Monitore sein, die es den Schülerinnen und Schülern eines Kurse der einer Kasse, die in einer Arbeitsgruppe ein Thema bearbeiten, zur Verfügung stehen. Wenn man von Gruppen von 3-5 Schülerinnen bzw. Schülern ausgeht, dürften daher etwa 7 bis 10 Monitore erforderlich sein.


              Monitore im Heinz-Nixdorf-Forum in Paderborn (Quelle: youtube)


Mediale Verbindungen: ein Raum für Vorträge, Videos und Filme 


Wie es inzwischen fast jedes Museum kennt, muss ein weiterer Raum für ganz reale Vorträge und die Vorführung von Filmen und Videos zur Verfügung stehen. Dieser Bedarf beginnt bereits bei der Begrüßung von Schulklassen, die eine kurze Einweisung benötigen, bevor sie ihre digitale Arbeit beginnen.



Eine ganz reale Ergänzung: konkrete Erfahrungen mit der Wollbearbeitung


Digitale Informationen können jedoch nicht die ganze Wirklichkeit einfangen. Sie müssen daher durch andere sinnliche Erfahrungen ergänzt werden, die weniger über die Augen laufen, sondern an denen stärker die Hände und der Tastsinn beteiligt sind. Die Wolle und ihre Verarbeitung ist schließlich auch ein Prozess, den Menschen seit Jahrtausenden als ein Handwerk erfahren haben.

De ganz realen Einblicke können Modelle von traditionellen Maschinen, wie man sie in einigen Textilmuseen findet, oder die eher handwerklich eingesetzte Geräte liefern, die einige Schaf- und Wollfreunde für ihre Hobbys verwenden, also Waschmaschinen und spezielle Wollkämme und Kardiergeräte.

                              
                        Handwerkliche Wollverarbeitung (Quelle: youtube)


Wichtiges Anschauungsmaterial sind vor allem die Maschinen, die erst die industrielle Wollverarbeitung, wie sie nicht zuletzt de Bremer Woll-Kämmerei betrieben hat. Hierzu gehören der Leviathan als spezielle Wollwaschmaschine und die verschiedenen Versionen von Kammstühlen, wie sie u.a. von Cartwright, Lister und Holden entwickelt worden sind.

In einem stärker handwerklich ausgerichteter Bereich, in dem die tatsächliche Benutzung der Geräte im Vordergrund steht, können nach dem Waschen der Wolle das Kardieren und Kämmen erprob
t werden. Dabei dürften rasch der Zeitaufwand und die Mühe erkennbar werden, die eine handwerkliche Kammzugherstellung erfordert. Das kann einerseits zur Freude über die eigene handwerkliche Leistung, andererseits zu viel Verständnis für die Bedeutung einer industriellen Wollbearbetung führen.



Herstellung eines Kammzugs (Quelle: youtube)



Da gekämmte Wolle ein Zwischenprodukt darstellt, empfiehlt sich eine Ergänzung durch Werkzeuge bzw. Maschinen, die eine Weiterbearbeitung ermöglichen. Auf diese Weise können attraktive Souvenirs entstehen, die an einen Besuch in dem nicht nur virtuellen Museum erinnern.

Daher sollte man im Museum möglichst nicht nur färben, sondern auch spinnen und weben können.

Eine weitere Ergänzung können die Hilfsmittel für eine alternative Verarbeitung von Wolle darstellen, wie sie etwa beim Filzen erfolgt; denn gerade mit dieser Technik entsteht eine praktische Gebrauchskunst, die beispielsweise Schals, Hüte, Hausschuhe und bildliche Darstellung umfasst.



                                          Filzen von Wolle (Quelle: youtube)


Aufgrund der großen historischen Bedeutung sollte auch die Tuchmacherei, also das Walken von Wollstoffen, nicht vergessen werden.

Da inzwischen viele Hobbyschafhalter Schwierigkeiten haben, die in jedem Jahr anfallende Wolle zu verwerten, sollte sich Rohwolle relativ preiswert in der Nähe beschaffen lassen. Das dürfte für viele Zwecke ausreichen, auch wenn sich daraus keine besonders feinen Kammzüge herstellen lassen.




Ein virtuelles Kämmereimuseum als Lernort für die Themenfelder Schafe, Wolle und Mode



Was kann man von einem virtuellen Kämmereimuseum erwarten und was kann es wem bieten? 
Diese Fragen besitzen eine gewisse Brisanz, da sich das klassische Verständnis eines Museums nur schwer mit einer Reduktion von Exponaten auf deren Bilder auf einem Monitor verbinden lässt. 


Museen im Medienzeitalter



Museen sind zu Recht stolz darauf, wenn sie einzigartige Originale präsentieren können, die man nur in diesem Museum in ihrer richtigen Größe und Farbe wahrnehmen kann, während in dieser Hinsicht Bilder immer auch lügen oder zumindest falsche Eindrücke vermitteln können. Beispiels sind etwa die Enttäuschungen einiger Besucher, wenn sie die wahren Ausmaße berühmter Gemälde erstmals real vor sich sehen. Hier will ein virtuelles Kämmereimuseum nicht so etwas wie eine Gemäldegalerei sein, die nur Reproduktionen anbietet.

Diese Eindrücke und Erlebnisse sind zweifellos durch keine Übertragung im Internet zu ersetzen. Aber wie die Trends bei den Museen zeigen, genügt das Anschauen einzigartiger Exponate nicht jedem potenziellen Besucher. Sie wollen im heutigen Medienzeitalter, wenn man den Entwicklungen sogar in großen anerkannten Museen folgt, Videos sehen, in denen Zusammenhänge aufgezeigt werden. Auch möchten sie im klassischen Museum selbst oder in einer ähnlichen Einrichtung, die inzwischen auch häufig einen anderen Namen führt wie das Universum in Bremen, mithilfe von von Mitmach-Exponate selbst zum Forscher oder Anwender werden. Dazu reichen dann Demonstrationen alter Maschinen nicht aus, wie sie in vielen Textilmuseen bei Führungen angeboten werden. Vor allem jüngere Museumsbesucher wollen sich aktiv an einer musealen Wissenaneignung beteiligen und selbst etwas erproben, wie sie es vom heimischen Computer aus kennen.

Ein modernes Museum darf daher, wenn es neue und vor allem jüngere Besuchergruppen ansprechen will, den Gedanken eines Edutainments, also eines spielerischen und unterhaltsamen Lernens, nicht vernachlässigen.


Klassische und virtuelle Museen: ein Vergleich


Ein virtuelles Museum kann diesen Trend fortsetzen, in dem es weniger Gewicht auf imposante und einprägsame Originale legt, wie man sie etwa im Industriemuseum Delmenhorst mit dem Turbinenhaus findet.

Auch lässt sich bei einem großen Teil der Exponate, die zum Fundus des Fördervereins zählen, nur schwer die Grenze zwischen einem Original und Kopien ziehen, da es sich generell um Objekte handelt, die bereits ursprünglich in einer größeren Auflage erschienen sind. Das gilt etwa für die Ausgaben der Werkszeitung „Sir Charles“ und für die Geschäftsberichte, aber auch für die Fotos. In diesen Fällen dürfte der Unterschied zu digitalen Daten daher deutlich kleiner sein als der zwischen einer Bilddatei und der realen Mona Lisa im Louvre.

Im digitalen Museum soll wegen dieser relativen Bedeutungslosigkeit klassischer Originale der Informationswert im Vordergrund stehen. Das ist relativ leicht zu leisten, da in der Regel bei Geschäftsdokumenten und Zeitungsartikeln gute Kopien von der Lesbarkeit her zumindest gleichwertig mit einem Original sind. Ja, sie besitzen sogar einige Vorzüge, da man sie nicht nur vom Gilb befreien und aufhellen kann, sondern jeder Nutzer sie auch entsprechend seinen Wünschen ausdrucken, teilweise für Zitate kopieren und im Text beliebig nach seinem eigenen Schema Markierungen vornehmen kann. Der Text rückt damit erheblich näher an seinen Leser heran, der über ihn verfügen kann.

Das virtuelle Angebot macht so ein Museum von einer Einrichtung, in der sich Originale ansehen und bewundern lassen, zu einer geordneten Datensammlung, mit der man arbeiten kann. Dabei helfen die im Internet üblichen Suchmaschinen dabei, schnell das zu finden, was man sucht. Das virtuelle Angebot ist also fast ideal, wenn ein Nutzer rasch Fragen beantwortet haben möchte.

Aber nicht nur das. Das breite und tiefe Datenangebot, das die Vorzüge der heutigen Datenspeicherung nutzt, hat den Vorteil, das es nicht an die Grenzen der Museumsräumlichkeit gebunden ist. Daher steht neben der Geschwindigkeit beim Suchen der Umfang des Materials als weiterer Vorteil. So eignet sich ein virtuelles Museum auch für die breitere Beschäftigung mit einer Thematik aus dem Bereich, auf den das Museum zwar im Prinzip ausgerichtet ist, aber eben nur innerhalb der Grenzen seiner Sammlung. Ein virtuelles Museum, das die Chancen des Internets nutzt und ohne Skrupel auch mit Links zu fremden Webseiten arbeitet, kann daher wichtige Hilfestellungen bei Hausarbeiten, Referaten bis hin zu Bachelor- und Masterarbeiten sowie Dissertationen liefern.

Daneben kann selbstverständlich auch jeder davon profitieren, der sich für eine Thematik nur einfach interessiert.


Eine sinnliche Ergänzung: die Mitmach-Abteilung


Trotzdem fehlt diesem Typ von Museum eindeutig eine sinnliche Komponente, auch wenn klassische Museen auf diesem Gebiet auch nicht unbedingt viel zu bieten haben, da sich die teuren Exponate häufig hinter Glas befinden, durch Sperrzonen geschützt sind und so gut wie nie angefasst werden dürfen.

Das lässt sich jedoch grade in einem Bereich, dessen Objekt die Wolle ist, leicht ändern, da ihre Bearbeitung nicht nur in hoch modernen Industrieanlagen möglich ist, sondern daneben Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker mit relativ einfachen Geräten arbeiten, deren Funktionsweise sich relativ einfach nachvollziehen lässt. Ein Besucher kann so mit relativ einfachen und preiswerten Werkzeugen zu einem Wollbearbeiter werden, der damit die Wolle wirklich kennenlernt. 

Auch dürfte dieser Bereich andere Besuchersegmente ansprechen als die technischen Details der Wollbearbeitung oder ökonomische Fakten. Wie die Sozialdaten aus dem Bereich des Wollkunsthandwerks zeigen, findet man hier vor allem Künstlerinnen, die die Ergebnisse ihres Schaffens auf Woll- der Kunstgewerbemärkten an ein fast ausschließlich weibliches Publikum verkaufen. Man könnte so durch diese Museumsabteilung nicht nur zusätzliche Besucherinnen ansprechen. Vielmehr stellen die vorhandenen Werkzeuge auch eine Grundlage für die Durchführung entsprechende Kurse etwa im Rahmen der Volkshochschule dar; denn es muss schließlich nicht immer nur getöpfert werden.


Von der virtuellen Theorie zur praktischen Umsetzung


Damit sind wichtig Rahmenbedingungen für ein virtuelles Museum abgesteckt. Die Möglichkeiten des Kernbereichs, also der digitalen Datensammlung, sollen exemplarisch an einigen Themenbereichen aufgezeigt werden. Dabei erfolgt eine Anlehnung an die in Schulen üblichen Arbeitsblätter.

Die Gesamtthematik geht dabei über den räumlichen und sachlichen Bereich der BWK in Blumenthal und Geelong hinaus. Hier wird eine Wollkämmerei wie die BWK als Teil der internationalen Wollwirtschaft gesehen. Man muss sich daher mit dem Angebot an Rohwolle, also den Wollproduzenten und nicht zuletzt auch den Schafen beschäftigen, und der Nachfrage, also mit den Spinnereien und Webereien bis hin zu den Modeunternehmen und letztendlich den Konsumentinnen und Konsumenten.



Die Erarbeitung von Themenbereichen


Die hier vorgestellten Themenbereiche, die im Laufe der Zeit noch ergänzt werden können, haben verschiedene Funktionen. Einmal können sie aufzeigen, welche vielseitigen Fragestellungen angesprochen sind. Dabei kann man nicht nur sein Wissen erweitern, das man für die Schule braucht oder vielleicht in einer Quiz-Show einsetzen möchte.

Man muss hier nicht für die Schule lernen, sondern kann sein Wissen tatsächlich ganz praktisch im eigenen Leben verwenden. So werden Urlaubs- und Praktikumsmöglichkeiten auf Schäfereien und bei Wollproduzenten weltweit angesprochen, wird in die Geheimnisse des Wollhandels eingeführt, sodass man auch einmal versuchen kann, an den Wollpreiszyklen Geld zu verdienen, aber es wird auch auf Fragen des Tierschutzes bei der Schafhaltung und die Umweltprobleme eingegangen, die zunächst durch die riesigen Schafherden und später durch die Reinigung des Wollwaschwassers und beim Färben der Wolle entstehen.

Das wird vielleicht nicht alle Leser interessieren. Jedem kann es jedoch den Alltag erleichtern, wenn er etwas über die Vor- und Nachteile verschiedener Textilfasern lernen kann oder über die Beseitigung von Flecken auf Wollstoffen. Alles das ist hier zu finden, ohne das man erst sehr lange suchen muss.




Titel der Arbeits- oder Themenmaterialien

Exemplarisch sollen zunächst folgende Themen für eine Bearbeitung mithilfe der Information eins virtuellen Museums vorgestellt werden:

01 Schafe: biologisch und ethologisch

02 Lammfromm oder zickig: das Schaf und seine Eigenschaften in Sprache und Religion

03 Hirten: Einst Repräsentanten der Neolithischen Revolution, jetzt historische Attraktionen für Touristen

04 Schafe als Wirtschaftsfaktor: Vom Schäfer zum Wollproduzenten

05 Australien und seine sheep stations

06 Tierschützer im Kampf gegen Mulesing, Lebendexporte und das rituelle Schächten

07 Vom Vlies zum Stoff: Auf dem Weg zur industriellen Wollverarbeitung

08 Von der Rohwolle zum kreativen Produkt. Die Kunst der Wollhandwerker

09 Der Wollpreis: Auktionen, volatile Preise und ein Puffer

10 Die Revolution auf dem Wollmarkt: China und das Sterben der europäischen und australischen Wollverarbeiter

11 Wollkämmereien und Wollverarbeitung heute

12 Die Wolle im Wettbewerb mit anderen Textilfasern: Preise, Eigenschaften und Entwicklungen

13 Wolle und Umweltschutz. Die Gifte aus Wiederkäuermägen und von den Weiden der Welt

14 Mode mit und ohne Wolle: Die Stärken einer alten Naturfaser



Für die Erarbeitung dieser Themen, die nach einer kurzen Einführung aufgrund von Leitfragen erfolgen kann, werden unterschiedliche Literaturangebote vorgeschlagen. Dabei erhalten die Veröffentlichungen der BWK einen besonderen Stellenwert, wobei es sich neben den Ausgaben der Werkszeitung „Sir Charles“ vor allem um Beträge handelt, die früher auf den Webseiten des Unternehmens zu finden waren. 



Quellen:

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Bundesverband Museumspädagogik e.V. (Hg.), Qualitätskriterien für Museen: Bildungs- und Vermittlungsarbeit, 2008.

Deutscher Museumsbund e.V. und ICOM-Deutschland (Hg.), Standards für Museen, Kassel/ Berlin 2006.

Gibbs, Kirsten, Sani, Margherita u.a. (Hg.), Lifelong Learning in Museums. A European Handbook, erweiterte deutsche Ausgabe der Originalversion, Ferrara 2007.

Hohlfeld, Margrit, Museumspädagogik in den Bremer Museen, Vorlage Nr. 134 für die Sitzung der Deputation für Kultur - städtisch - am 13.04.2010.

Kirst, Virginia und Schuldt, Rainer, Virtuelle Rundgänge. Google Art Project zeigt Kunst deutscher Museen, in: Welt vom 29.5.2013.

Kramer, Norbert, Museumspädagogik ungeliebtes Kind oder Zwilling? Studienseminar für das Lehramt für die Primarstufe Dortmund, o. J.

Mußmann, Olaf, Museumsentwicklung oder: Wie kommt Qualität ins Museum, in: Museum aktuell, Mai/ Juni 2003.

Nicholls, Ann, Pereira, Manuela und Sani, Margherita, Report 1 – The Virtual Museum. The Learning Museum Network Project, 2012.

Paatsch, Ulrich, Mehr als ein schöner Tag? Ausgewählte Ergebnisse der Besucherbefragungen in den baden-württembergischen Freilichtmuseen,
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Rauterberg, Hanno, Forschung im Museum. Sammeln, sortieren, enträtseln, in: Die Zeit vom 2. 7. 2010.

Reißmann, Ole, Street View im Museum. Google startet Online-Galerie, Spiegel vom 1.2.2011.

Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Institut für Museumsforschung (Hg.), Statistische Gesamterhebung an den Museen der Bundesrepublik Deutschland für das Jahr 2012, Heft 67, Berlin 2013.