Sonntag, 9. Juni 2013

Roma_ Integration


Kommunale Sinti- und Romapolitik in Deutschland: 

Vorbilder für Blumenthal?




Die Inklusionspolitik der EU


Durch die Kriege im ehemaligen Jugoslawien, die viele Roma zu Flüchtlingen und Vertriebenen gemacht haben, und durch die Aufnahmeverhandlungen mit Bulgarien und Rumänien, wo große Roma-Minderheiten leben, wurde die Situation der Roma zu einem Thema der europäischen Politik.

Parallel hierzu engagierten sich große Nicht-Regierungs-Organisationen wie die Soros-Stiftung in Fragen der Diskriminierung und sozialen Situation von Minderheiten, wobei über die Open Society Stiftung in Europa vorrangig die Rechte der Roma zu einem akuten Thema gemacht wurden.


Innerhalb dieser politischen Großwetterlage haben sich die Roma in einer Reihe von Konferenzen selbst international organisiert und durch die Teilnahme an internationalen Initiativen ihre Situation vor allem auf die Agenda verschiedener Gremien der EU setzen können.

So hatte man sich bereits auf dem ersten Roma-Weltkongress 1971 in London international auf die gemeinsame Bezeichnung Roma geeinigt und sich für eine eigene Flagge und Hymne entschieden.

Auf dem 5. Weltkongress 2000 in Prag interpretierten sich die Roma dann selbst als Nation ohne Staat und als transnationale Minderheit, nachdem zuvor sogar über eine Anlehnung an das Heimatland Indien oder die Bildung eines eigenen Roma-Staates nach dem Vorbild Israels nachgedacht worden war.

Nach dieser Entwicklung eines Selbstverständnisses, das die Roma in das weltweite Konzept der Völker- und Menschenrechte einordnete, konzentrierten sich die Aktivitäten vor allem auf den Raum der EU.

Eine erste Regionalkonferenz fand im Juli 2003 in Rom statt, an der vor allem osteuropäische Staaten teilnahmen, die größtenteils keine EU-Mitglieder waren. Dabei wurden die Weichen für eine Reihe zukünftiger Maßnahmen gestellt. So konnte man im Dezember 2004 einen Stiftungsfonds gründen, an dem sich einige Staaten wie Kanada, Schweden, die Schweiz und Großbritannien sowie internationale Organisationen wie die Weltbank und OSI beteiligten. Allerdings war das Vermögen 2005 mit ca. 8 Mio. € noch überschaubar. Als „beispielloses“ Ereignis gilt die im Jahr 2005 von zwölf EU-Mitgliedsländern unterzeichnete Erklärung zur Roma-Dekade 2005-2015, die aus einer Initiative der Soros-Stiftung hervorgegangen ist.

Faktisch handelt es sich dabei um eine juristisch nicht verbindliche Selbstverpflichtung der Staaten, die ihre Maßnahmen gegen eine Diskriminierung der Roma verstärken wollen.
Gleichzeitig wurde der Roma Education Fund (REF) gegründet, der mit Mitteln der Weltbank, des Open Society Institutes und anderen Sponsoren vor allem Stipendien an Schüler und Studenten zahlt, die später als „agents for change“ für Veränderungen in den lokalen Roma-Gesellschaften sorgen sollen. 

In diesem Rahmen wurden zwischen 2008 und 2012 knapp 6.500 Universitätsstipendien vergeben, davon 1.500 allein im Jahr 2012. Auf diese Weise wird also mittel-bis längerfristig eine gebildete Roma-Elite entstehen, die die häufig noch bestehenden traditionellen Familienstrukturen verändern dürfte.

Im Juni 2007 gründeten schließlich die Vertreter von 12 EU-Mitgliedstaaten mit EURoma ein europäisches staatenübergreifendes Netzwerk, das eine bessere Verwendung von Mitteln der Strukturfonds für die Roma ermöglichen soll. Dazu sollen Arbeitsgruppen zu den Themen soziale Inklusion, Beschäftigung und Bildung konkrete Maßnahmen erarbeiten.

Im April 2009 wurde schließlich in Prag im Rahmen einer „Plattform für den Wandel“ 10 Grundsätze diskutiert, die „die Politik zur Förderung der Eingliederung der Roma in Europa leiten“ sollen. 

Insgesamt steht eine Reihe von EU-Programmen vor allem aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zur Verfügung, so z.B. das Programm für lebenslanges Lernen, das Programm „Jugend in Aktion“, das Kulturprogramm (2007-2013) und das Gesundheitsprogramm 2008-2013.


Das Ergebnis dieser politischen Aktionen wird nicht nur positiv gesehen. Einerseits ist es gelungen, die Situation der Roma als Frage der Menschen- und Völkerrechte auf die internationale Agenda zu setzen, sodass es heute zahlreiche Studien und Programme für eine Minderheit gibt, die zuvor auch intellektuell am Rande der Gesellschaften gelebt hat. Es wird daher bereits von einer geistigen Roma-Industrie gesprochen, die sich damit beschäftigt, die Roma in der Öffentlichkeit nicht nur als verarmte Unterschichtsgruppe oder diskriminierte ethnische Minderheit darzustellen, sondern als eine ganz besondere Kultur herauszuarbeiten, auf die jeder Roma zu Recht stolz sein kann. (Marushiakova/ Popov, 2004, S. 84ff.)

Andererseits wird auf einen Mangel an konkreten Maßnahmen verwiesen, die tatsächlich begonnen wurden und positive Entwicklungen erkennen lassen. Als Grund wird dafür die geringe Beteiligung der Roma vor Ort genannt, sodass eine deutliche Kluft zwischen den Deklarationen von Regierungen und internationalen Organisationen auf der einen Seite und dem Alltag vor allem der Roma in den großen Slumvierteln zahlreicher Balkanstädte besteht. Es gibt so zwar viele Absichtserklärungen, aber kaum effektive Maßnahmen, um diese Versprechen umzusetzen.



Inklusion und Integration

Allerdings sind auch bereits die Ziele der Roma-Politik nicht eindeutig definiert, wenn von Inklusion bzw. Integration gesprochen wird.


Während früher vor allem eine Integration als Eingliederung von Menschen in eine bereits bestehende Gesellschaft verstanden und angestrebt wurde, verwendet die EU inzwischen in der Roma-Politik vor allem den Begriff der Inklusion, der etwa aus der pädagogischen Inklusion von Behinderten in den normalen Schulbetrieb und die Abschaffung von Förderschulen bekannt ist.Damit wir eine Veränderung der bestehenden Strukturen verstanden, sodass die Unterschiedlichkeit der einzelnen Menschen zur Normalität wird. Das kann bedeuten, dass auch die Mehrheit ihre Einstellungen und Werte verändern muss, damit sich eine ethnische Minderheit als gleichberechtigt und gleichwertig anerkannt sieht und nicht mehr ausgegrenzt und diskriminiert fühlen muss. Dazu ist es in der Regel notwendig, dass sich die Angehörigen der Gruppen gegenseitig näher kennen und verstehen lernen.

Im EU-Sprachgebrauch wird allerdings nicht systematisch zwischen den beiden Begriffen „Integration“ und „Inklusion“ unterschieden. Auch wird das englische Wort „inclusion“ teils mit Integration und teils mit Einbeziehung übersetzt.


Um die Bedeutung des Begriffs zu klären, empfiehlt sich eine Übersicht, wie sie der Psychologe John W. Berry entwickelt hat. Darin werden vier Formen unterschieden, in denen sich eine Mehr- und eine Minderheitskultur begegnen können. Den Unterschied machen jeweils die gegenseitigen positiven bzw. negativen Einstellungen aus.


Verhältnis zwischen Mehr- und Minderheitsbevölkerung nach Berry

Bezug zur Mehrheitsgesellschaft
Bezug zur Minderheitsgesellschaft
Bezug zur Minderheitsgesellschaft

positiv
negativ
positiv
negativ
Quelle: Berry 1997, S.10.

Durch diese Übersicht wird die Gratwanderung deutlich, die bei allen Integrationsprojekten drohen, da immer zwei Gefahren bestehen. Zum einen kann zumindest von einigen Angehörigen der Roma befürchtet werden, dass einzelne Maßnahmen zu stark in Richtung einer Assimilation gehen. Das dürfte immer dann der Fall sein, wenn sie selbst Normen vertreten, die es in dieser Form in der Mehrheitsgesellschaft nicht gibt wie etwa die der Familienoberhäupter. Ein „Zuviel“ an Bildung vor allem auch für Mädchen kann so als Bedrohung für die traditionelle Rollenverteilung angesehen werden, wenn die Söhne und Töchter dadurch gegenüber ihren Eltern oder Großeltern „überlegen“ werden.

Projekte, die hingegen von der bisherigen Roma-Elite ausgehen, können leicht eine starke Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft unterstützen, da so Konflikte mit der Umwelt reduziert und die soziale Struktur innerhalb der Roma-Gesellschaft erhalten bleibt.

Wie die Übersicht aufzeigt, muss ein von beiden Seiten begehbarer Weg gefunden werden. Integration und Inklusion kann daher nur bedeuten, dass die Rechtsordnung mit ihren individuellen Menschenrechten auch für Minderheiten verbindlich ist. Innerhalb dieses Rahmens kann sich dann die Kultur einer Minorität entwickeln, ohne sich auf den familiären Binnenraum beschränken zu müssen. Dadurch lässt sich erwarten, dass eine Stärkung dieser Kultur das Zusammenleben durchaus verbessert; denn ein Roma, der auf seine eigene Kultur und Identität stolz ist, wird gegenüber seiner Umwelt erheblich aufgeschlossener sein als jemand, der sich benachteiligt und bedroht fühlt.


Situation und Maßnahmen in den Herkunftsländern

Durch die Aufnahme von Ungarn und der Slowakei, vor allem aber von Bulgarien und Rumänien wurden die Roma-Probleme dieser Länder zu Themen der EU-Politik. 

Gerade für die Roma hat der Zusammenbruch der Planwirtschaft und der Staatsbetriebe zu erheblichen sozialen Belastungen geführt, da sie in erheblichem Maße als wenig beliebte Minderheit aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wurden.

So konnten sich unter der Ägide der marxistischen Ideologie, für die ethnische Unterschiede Relikte einer überwundenen Gesellschaftsformation waren, viele Roma eine bessere Ausbildung und damit höhere soziale Positionen erklimmen, als das zuvor der Fall war. Zumindest wurden in den großen Landwirtschaftsbetrieben sowie von den Kommunen oder  Industrieunternehmen auch Roma für wenig qualifizierte Tätigkeiten eingestellt.

Das hat sich als Folge des Zusammenbruch der Planwirtschaft mit hohen Arbeitslosenzahlen und des deutlich gewachsenen Nationalismus jedoch wieder geändert. Alte Vorurteile scheinen teilweise sogar an Gewicht gewonnen zu haben, wie der Zuspruch ausgesprochen antiziganischer Parteien beweist. Das hat zu einer ausgeprägten Landflucht und dem Entstehen von Ghettos am Rande der Städte geführt, wo die Infrastruktur nicht in den erforderlichen Maß ausgebaut wurde, sodass unter den jungen Roma der Analphabetismus rapide zunimmt. 

So wurden die Roma-Siedlungen Osteuropas, also die Mahala genannten Vorstadtghettos etwa von Stolipinovo bei Plowdiw in Bulgarien und Shutka bei Skopje in Mazedonien, in einer UN-Studie aus dem Jahr 2003 als „Inseln der Dritten Welt in der Ersten Welt“ bezeichnet. Zwar hat die EU von den Beitrittsländern die erfolgreiche Integration der Roma verlangt und zahlreiche Roma-Projekte unterstützt, aber kaum auf die tatsächliche Umsetzung geachtet.


Allerdings gibt es kaum Berichte über nachhaltige Erfolge, vielmehr stößt man zuweilen auf die Vermutung, dass manchen Politikern eine „Lösung“ der Probleme durch eine Auswanderung nach Westeuropa nicht unlieb wäre.

Die inzwischen entstandene Armutskultur dürfte auch kaum zu einer Identifikation mit den jetzigen Heimatländern führen. So heißt es etwa in einem aktuellen Artikel: „Die aus der produktiven Sphäre Ausgeschlossenen versuchen ihrer Verelendung vor allem mit kombinierten Noterwerbsweisen zu entrinnen: kleiner Handel, Sammeln und Aufarbeiten von Resten, Gelegenheitstätigkeiten, kleine Delinquenz. Damit einher gehen die typischen sozialen Konsequenzen solcher Prozesse, wie drastisch sinkende Bildungschancen und stark erhöhte Kriminalitäts-, Alkoholismus- und Drogenrisiken.“

Dadurch sehen viele Angehörige der Mehrheitsbevölkerung ihre Vorurteile bestätigt, was zu verstärkter Diskriminierung führt. Da dieser Teufelskreis von sozialer Benachteiligung mit ihren Folgen und sozialen Vorurteilen bisher durch die EU-Programme nicht durchbrochen werden konnte, flüchten viele südosteuropäische Roma nach West- und Mitteleuropa sowie nach Nordamerika. So setzte etwa im Zuge der Mitgliedschaft von Bulgarien und Rumänien in mehreren Stufen eine Auswanderungswelle ein, die durch gesetzliche Änderungen ausgelöst wurden. Die wichtigsten Daten sind 1990 mit dem Wegfall des Eisernen Vorhangs, 2002 mit der Visafreiheit im Schengen-Raum und 2007 mit der EU-Aufnahme.


Beispiele für Integrationsprojekte in Deutschland


Um nicht nur die deutschen Sinti stärker zu integrieren, sondern auch die in den letzten Jahren zugewanderten Roma vor allem aus dem Kosovo, Bulgarien und Rumänien, wurden in zahlreichen deutschen Städten Konzepte und Maßnahmen entwickelt, um möglichst das Entstehen sozialer Brennpunkte zu verhindern und eine Flüchtlings- und Roma-Politik zu betreiben, die mit den Grundsätzen der EU übereinstimmt.


Auch wenn eine Reihe von Projekten durchaus als Erfolge gesehen werden, darf man nach den bisherigen Erfahrungen nicht erwarten, dass sich mit viel gutem Willen und auch eingesetztem Personal und Geld rasch die gewünschten Erfolge feiern lassen.

Es gibt auch eher resignierende Resümees, wenn etwa festgestellt wird: "Die anfängliche Euphorie und politisch motivierte Aufbruchstimmung verblasste zusehends und das Mobilisierungspotential der Semantik moralischer Schuld
war bald weitgehend erschöpft. Die Maßnahmen hatten nichts daran geändert, dass die zentralen Problemlagen

• unregelmäßiger Schulbesuch der Kinder,

• Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von der Sozialhilfe sowie 

• Akzeptanzprobleme im sozialen Umfeld fortbestanden.“ (Koch, S. 44)


Begrenzte Konzentration und Segregation


Eine wichtige Weichenstellung für die Integration erfolgt bereits mit der Beschaffung einer Wohnung, wobei die Kommunen und ihre Wohnungsbaugesellschaften große Lenkungsmöglichkeiten besitzen. Das gilt für die Auswahl der Stadtviertel, die ein unterschiedlich großes Potenzial etwa für mögliche Ehrenamtliche bieten oder in denen sich soziale Probleme bereits kumulieren.

Noch wichtiger ist jedoch die kleinräumige Betrachtung, wo zwischen einer Durchmischung, die Kontakten zur Mehrheitsgesellschaft begünstigt, und einer Konzentration, die gerade neuen Zuwanderern die Orientierung in der unbekannten Umgebung erleichtert, ein günstiges Verhältnis gesucht werden muss.

Zu dieser Problematik hat die damalige Münsteraner Sozialdezernentin im Jahr 2000 ein detailliertes „Konzept zur Integration und Unterbringung von Flüchtlingen“ erarbeiten lassen, von dem auch aus dem Kosovo stammende Roma-Familien betroffen waren. Anfang 2013 wurden diese Grundsätze für die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien fortgeschrieben. Sie scheinen sich also bewährt zu haben.

Der entsprechende Beschluss des Stadtrats nimmt zunächst eine Auswahl geeigneter Standorte innerhalb des Stadtgebiets vor. Dabei werden die Einwohnerstruktur, das soziale Klima, das Konfliktpotenzial, die Lagequalität und die Infrastruktur berücksichtigt. Im Prinzip soll dabei nur dort eine Ansiedlung erfolgen, wo nicht bereits soziale Problemviertel bestehen und eine aufnahmefähige Infrastruktur vorhanden ist.

Innerhalb der danach geeigneten Stadtteile sollen dann keine starken Konzentrationen erfolgen. Vielmehr sollen Flüchtlinge in kleinen, über die Stadt verteilten Einrichtungen für rund 50 Personen untergebracht werden und nicht mehr in Großunterkünften für bis zu 225 Bewohner, was zuvor der Fall war.
Zudem sollen sich die baulichen Formen der neuen Unterkünfte an den im Viertel vorhandenen Wohnhäusern orientieren, um zu verhindern, dass die Nachbarn sie als Fremdkörper wahrnehmen.

Es wurde also auch an die Wahrnehmung der Minderheit durch die Mehrheitsbevölkerung gedacht, denn die kleinen baulichen Einheiten sollen bei den Nachbarn erst gar keine Überfremdungsängste aufkommen lassen. (Knaus/ Widmann, S. 46)


Die Wohnungsgenossenschaft Maro Temm in Kiel

Durch die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Initiativen wurde 2007 in Kiel ein Wohnprojekt für Sinti realisiert, das von seinen als „national und international ohne Beispiel“ gesehen wird und eine „entsprechende Beachtung findet. Dort wurde die Maro Temm Wohnungsgenossenschaft der Sinti eG gegründet, um eine Niedrigenergiehaus-Reihenhaussiedlung mit 13 unterschiedlich großen Wohneinheiten auf einem 10.000 qm großen Grundstück an der Diedrichstraße in einem Industriegebiet am Rande des Kieler Stadtteils Gaarden zu errichten, das von der Kommune auf 75 Jahre im Wege des Erbbaurechts gepachtet wurde.

Das Finanzierungsvolumen für ca 1.200 qm Wohnfläche betrug ca. 1,9 Mio. € und erfolgte ganz überwiegend durch ein Darlehen des Landes zu den im sozialen Wohnungsbau üblichen Konditionen. Hinzu kam Eigenkapital in Form von Spenden und Eigenleistungen der zukünftigen Bewohner.

Träger dieses Projektes, dessen Name „Unser Land/ Unser Platz“ bedeutet, ist eine eigene Genossenschaft. Diese hat nach den Plänen von den erwarteten Kosten in Höhe von 1,5 Millionen Euro mindestens 70.000 Euro als Eigenkapital erbracht. Außerdem sollten jugendliche Sinti, die im Idealfall aus den Familien kamen, die jetzt in den Häusern leben, im Rahmen einer Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahme einer kommunalen Beschäftigungsfirma an dem Bau mitarbeiten.

Außerdem sollten die übrigen Familienmitglieder andere Arbeiten als Eigenleistung ausführen, sodass dadurch einschließlich des Stiftungsgeldes ein Eigenanteil von zusammen 300.000 Euro, und damit 25 % der Gesamtkosten, erreicht wurde.

Zentrales Ziel des Projektes ist die Entwicklung und Erprobung von Wohnformen, die den Sinti ein Wohnen ermöglichen, wie es ihren Traditionen und Wünschen entspricht, aber auch ihre Integration in die deutsche Gesellschaft verbessert.


Daher wird durch eine gemeinsame Siedlung von 13 Sinti-Familien der bevorzugte enge nachbarschaftliche Kontakt gewährleistet, wobei die beliebten etwas lauteren Feiern im Freien keine Nicht-Sinti belästigen.

Geplant wurden sechs Doppelhäuser, die in einem Oval um einen zentralen Platz gruppiert sind. Damit werden die baulichen Voraussetzungen für das Leben in größeren Familienverbänden geschaffen, womit häufige gegenseitige Besuche verbunden sind. Wenn diese Treffen auf dem Platz stattfinden, der durch die Häuser gegenüber der Umgebung abgeschirmt ist, kann es nicht zu den Störungen kommen, die sonst häufig die Nachbarn zum Anruf bei der Polizei veranlassen. Damit werden mögliche Anlässe für negative Einstellungen und Streitigkeiten verhindert.
Um die angestrebten Kontakte zwischen dem Stadtteil und diesem Wohnquartier aufzubauen, soll nach einer Eingewöhnungszeit ein Gemeinschaftsraum in der Siedlung dienen. Dabei ist sogar ein eigenes Gemeinschaftshaus geplant.

Von der Hausaufgabenhilfe und spielerischem Lernen bis hin zu Freizeitaktivitäten, Versammlungen und kleinen kulturellen Begegnungsfesten soll hier ein Treffpunkt der Kulturen entstehen und für ein gutes Miteinander vor Ort einen Beitrag leisten.

Langfristig erwarten die Initiatoren darüber hinaus einen volkswirtschaftlichen Nutzen, wenn die Bewohner durch reguläre Arbeiten ihren Unterhalt sichern können und keine Hilfe vom Staat mehr benötigen.



Musikalische Brücken durch Sinti-Feste

Ein wesentlicher Teil der Roma-Kultur ist ihre Musik, sodass es nahe liegt, dieses Erbe nicht nur als Teil der eigenen Identität zu pflegen, sondern auch über die Musik Brücken zur Mehrheitsgesellschaft zu schlagen. Die Entwicklung bei den Roma-Musik, die etwa durch den Flamenco in Spanien sowie in Ungarn und auf dem Balkan, wo sie Teil der Volkskultur geworden sind, die auf kaum einer Hochzeit oder einem Volksfest fehlt, ist schließlich ein viel versprechender Wegweiser. So gibt es auch in Deutschland Initiativen, die diesen wichtigen Teil der Sinti-Kultur bewahren wollen, wie beispielsweise ein „Philharmonischer Verein der Sinti und Roma Frankfurt am Main e.V.“


Es geht jedoch nicht immer vorrangig um die Sicherung der eigenen Identität. Schließlich kann nicht zuletzt gerade die Musik Brücken zwischen verschiedenen Kulturen bauen. Einen ersten erfolgreichen Versuch auf diesem Gebiet gibt es schon seit 2000 in Hildesheim, also der Stadt, in der erstmals die Anwesenheit von Sintis in Deutschland aktenkundig geworden ist. So veranstaltet die größte Sinti-Gemeinde Niedersachsens im Juli ihr mehrtägiges Django-Reinhard-Festivial. Der Namengeber, ein Manouche, der in Belgien geboren wurde, aber vor allem in der Nähe von Paris aufwuchs, gilt als Erfinder der des Gypsy Swing. 

Während in Hildesheim vor allem Anhänger dieser Stilrichtung des Jazz angesprochen werden, besitzt das Sintiplatzfest in Hamm einen ganz anderen Charakter. Hier hat ein Selbsthilfeverein von der Stadt ein Gelände gepachtet, das als Treffpunkt für das kulturelle Leben der Sintis gestaltet wurde und auch einen großen Kinderspielplatz umfasst, der gemeinsam mit den Vereinsmitgliedern geplant und gebaut wurde. 

Hier findet alle zwei Jahre ein Sinti-Fest statt, zu dem alle Nachbarn, Freunde und Förderer eingeladen sind. Dabei sollen bei einem breiten Kinderprogramm und Kaffee, Kuchen und Grillspezialitäten die Bewohner des Stadtteils die Möglichkeit haben, die Kultur der Sinti ungezwungen kennen zu lernen und durch das gemeinsame Feiern mögliche Vorurteile abzubauen. So soll jeder nach dem Motto „Man schätzt nur, wen man kennt“ sehr „niederschwellig“ die Möglichkeit haben, „sich dem anderen zu nähern“, wie es die Veranstalter ausdrücken.

Während diese Begegnungsfeste inzwischen schon eine gewisse Tradition besitzen, hat in Köln ein lokal bekannter Sinti-Musiker mit dem „Rheinischen Zigeunerfestival“ 2012 auf einer Rheinwiese in Deutz etwas Neues gestartet. Auch hier steht ein hochkarätiges Musikprogramm im Mittelpunkt, zu dem neben Musikern und Nachwuchskünstlern aus der Region auch osteuropäische Bands eingeladen waren. Dabei gab es neben Sinti Jazz und Gypsy Swing auch Sinti Rap und Balkan Folk zu hören. Die Förderung der Veranstaltung übernahm der Landschaftsverband Rheinland.



Interkulturelle Beratungs- und Quartiersarbeit


In einer Reihe von deutschen Städten bestehen Anlaufeinrichtungen für Sinti und Roma, die meist durch das Engagement einzelner Sinti oder Nicht-Sinti gegründet wurden und daher teilweise unterschiedliche Ausrichtungen besitzen.

Relativ häufig ist dabei eine Verbindung mit der regionalen Geschäftsstelle des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma wie beim Romno Kher

in Mannheim, das, wie der Name in Romanes für "Unser Haus" bereits andeutet, ein Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung sein will.

Daneben gibt es jedoch auch Initiativen von Nicht-Sintis. Ein Beispiel ist der Verein Nachbarschaftswerk in Freiburg, der u.a. eine Sintisiedlung betreut, in der nach dem Wunsch der Bewohner ein ethnozentriertes Zusammenwohnen realisiert wird. Das Nachbarschaftswerk respektiert und achtet dieses Ziel und beteiligt sich daher nicht an Überlegungen zur Dezentralisierung. 

Das Nachbarschaftswerk ist bereits 1969 entstanden, um damals die Integration von Sintis zu unterstützen. Dabei stand neben der sozialpädagogischen Betreuung die Beteiligung der Sintis am Neubau einer Reihenhaussiedlung im Vordergrund, die Anfang der 1970er Jahre nach den Standards des sozialen Wohnungsbaus errichtet wurde. Gleichzeitig entstand ein Sozialzentrum. Heute leben etwa 330 Sintis im Stadtteil Weingarten. 


Im Laufe der Jahre wurde diese Arbeit auf angrenzende Quartiere und andere bildungsferne Bevölkerungsgruppen ausgeweitet. Ein ganz zentrales Thema ist dabei der Bereich „Lernen im Quartier“, der bei der Elternbildung und Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz beginnt. In diesem Rahmen wird u.a. ein Ferienlerncamp organisiert.


Bildungsprojekte als Integrationsschaltstellen 


Ganz unabhängig davon, wie die Sinti und Roma ihre Stellung in der Gesamtgesellschaft definieren, gelten auch für kulturelle Minderheiten, die ihre Identität wahren wollen, die jeweiligen Landesgesetze. Dazu zählen Vorschriften über das Mindestalter bei Heiraten, also die Ehemündigkeit, und die Schulpflicht sowie eine Vielzahl von Gesetzen, die praktisch voraussetzen, dass man Texte lesen und zumindest unterschreiben kann. 


Das ist jedoch nur die rechtliche Seite, wichtiger ist die ökonomische und soziale. Da in der heutigen Gesellschaft Arbeitsplätze, die einen Lebensstandard über der Armutsgrenze sichern, praktisch eine qualifizierte Bildung voraussetzen, ist der erfolgreiche Abschluss einer Schule die notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in das Berufsleben.

Daher sehen auch die Roma-Hilfsorganisationen in einem regelmäßigen Schulbesuch einen zentralen Schlüssel zur Integration und fordern einen nationalen Aktionsplan zur Bildungsförderung. (Strauß, S. 103)


Eine aktuelle Studie zur Bildungssituation veranschaulicht den Umfang des Problems, denn in dieser allerdings nicht ganz repräsentativen Untersuchung haben 13 % der Siniti und Roma keine Schule besucht und weitere 44 % haben die Schule ohne einen Abschluss verlassen. Man kann daher schätzen, dass mehr als die Hälfte dieser Minderheit trotz bestehender Schulpflicht Analphabeten sind. In der Gesamtbevölkerung haben hingegen praktisch alle eine Schule besucht und etwa 7,5% keinen Hauptschulabschluss erworben. (Strauß, S.11)

Im Vergleich zu älteren Untersuchungen zeigen sich trotz dieser im Vergleich negativen Zahlen kleine Erfolge der vielen staatlichen und privaten Anstrengungen.

Um zu weiteren Fortschritten zu gelangen, verdienen einige Zusammenhänge besondere Beachtung, die in dieser Sinti-Bildungsstudie erhoben wurden. Danach steigt der weiterhin seltene Besuch einer weiterführenden Schule, wenn die Kinder zuvor einen Kindergarten besucht haben und auf Hilfe bei den Hausaufgaben zurückgreifen können. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Sinti-Kinder von ihren Eltern nur wenig Hilfe erhalten, da diese selbst über keine entsprechende Schulbildung verfügen.

Besonders schlecht schneiden die Kinder bei der beruflichen Bildung ab, denn
während 85% der deutschen Gesamtbevölkerung eine Berufsausbildung macht, sind es bei den Sinti und Roma kaum mehr als 15%. (Strauß, S. 42)

Noch geringer dürfte die Bildungsbeteiligung der in den letzten Jahren eingewanderten Roma-Kinder sein, da deren Voraussetzungen erheblich schlechter sind. Das gilt sowohl wegen des höheren Analphabetismus unter diesen Eltern auch auch wegen der psychischen Belastungen durch den Krieg und den unsicheren Aufenthaltsstatus.

Die Einstellung zur Bildung ist damit ein ganz wichtiges Merkmal, durch das sich die Roma von den Juden unterscheiden, also einer ähnlich diskriminierten ethnischen Minderheit asiatischer Herkunft. Die Ursache dürfte in der Religion zu suchen sein, wo bei den Juden die Existenz eines Heiliges Buches und das Ansehen der „Schriftgelehrten“ zu einem deutlich größeren Alphabetisierungsinteresse geführt haben.

Um diese vielfältigen Hindernisse auf dem Weg zu einem regelmäßigen Schulbesuch und einem erfolgreichen Schulabschluss abzubauen, gibt es eine Reihe von Modellprojekten, von deren Erfahrungen man auch in anderen Städten lernen kann.



Die Kindertagesstätte Schaworalle 


Ein bundesweites Pilot- und Modellprojekt, das bereits im Vorschulbereich Schwellenängste im Bildungsbereich abbauen soll, ist die Kindertagesstätte „Schawarolle“ (auf Romanes „Hallo Kinder“), deren Träger der Frankfurter Förderverein Roma ist. Hier wollen Roma und Nicht-Roma seit Mitte 1999 gemeinsam etwa 70 Kinder fördern, die fast ausschließlich aus Roma-Familien stammen. 

Das heutige Konzept ist allmählich aus den Erfahrungen entstanden, die man seit 1996 gesammelt hat. Damals hatte man finanziert durch das Frankfurter Jugendamt die Aufgabe übernommen, sich um rumänische Romakinder zu kümmern, die durch Betteln, Diebstähle, Nachbarschaftskonflikte u. ä. aufgefallen waren.

Schwarolle versteht sich aber deswegen nicht als Resozialisierungsinstanz, sondern als ein Schutzraum, der die Regeln und Gesetze der Roma achtet und dabei versucht, zwischen den Welten der Mehrheit und der diskriminierten Minderheit durch den Aufbau von Vertrauen zu vermitteln.


Daher spielen die Kontakte zu den Familien eine erheblich größere Rolle als in anderen Kindestagesstätten, obwohl man ursprünglich nur Schulvorbereitungs- und Alphabetisierungskurse für Roma-Kinder geplant hatte. So können die Eltern jederzeit in der Schaworalle vorbeikommen, um nach ihren Kindern zu sehen, sodass die für Roma-Familien typische enge Bindung zwischen den Eltern und ihren Kindern nicht unterbrochen wird.

Von Vorteil ist auch das breite Angebot an Beratungsdienstleistungen durch den Träger, sodass eine umfassende Betreuung der Kinder und ihrer Familien aus praktisch einer Hand möglich ist.



Das Schulprojekt Amaro Kher (Unser Haus)


Das Frankfurter Schawarolle-Projekt wurde Mitte 2001 in Köln aufgegriffen, wo der dortige Romahilfsverein bei der Unterbringung von Roma-Flüchtlingskindern in Regeleinrichtungen nicht immer erfolgreich war, da die Kinder häufig zu Schulschwänzern wurden.

Daher werden schulferne und häufig traumatisierte und auffällige Kinder aus Romafamilien durch vorgeschaltete Einrichtungen erst an die Regeleinrichtungen herangeführt. Dabei spielt die Eltern- und Familienarbeit eine ganz wichtige Rolle, da die schulfernen und teilweise bildungsfeindlichen Eltern zur Unterstützung der Bildungsanstrengungen ihrer Kinder motiviert werden sollen. Der Rom e.V. hat daher auch in Amaro Kher ab Herbst 2005 auch einen Sprachkurs für Mütter installiert, deren Kinder in der Einrichtung beschult werden.


Bereits im Namen der Schule Amaro Kher (auf Romanes: Unser Haus) soll dieser Grundansatz angesprochen werden. Sie will nicht nur ein Lernort für Kinder, sondern ein gemeinsames Haus für alle Roma sein. Dieses Projekt, dessen Träger der Rom e.V. ist, wird wegen seinen breiten Konzeption nicht nur durch öffentliche deutsche Mittel, sondern u.a. auch durch die Aktion Mensch und den Europäischen Flüchtlingsfonds unterstützt.

In dieser Schule werden seit 2004 etwa 20 Kinder in einer Grundschulklasse für 6- bis 10-jährige und einer Sekundarstufe I-Klasse für 10- bis 14-jährige unterrichtet. Dabei wird neben der Vermittlung des Wissensstoffes besonders darauf geachtet, dass den Schülern ein regelmäßiger Schulbesuch Freude macht und als attraktive Alternative zum Tagesablauf im Flüchtlingsheim erlebt wird. Dazu dienen an der Ganztagsschule neben muttersprachlichem Unterricht vor allem Musikstunden, Tanzkurse sowie Sport-und Freizeitangebote.

Die gezielte Einbeziehung von Roma-Mitarbeiterinnen und der ergänzte Fächerkanon sollen auch kritischen Eltern zeigen, dass in der Schule keineswegs die eigne Identität, und Tradition zerstört wird, sondern vielmehr die Roma-Kultur durch zusätzliches Wissen für den Alltag in einer neuen Umgebung eine sinnvolle Ergänzung erfährt.

Eine soziale Absicherung der Kinder erfolgt durch eine unterstützende Familienarbeit und soziale Beratung, die den Abbruch der Lernanstrengungen der häufig nur „geduldeten“ Eltern durch eine Abschiebung verhindert.

Durch positive Lernerfahrungen in diesem fast familiären Schutzraum sollen die Kinder mehr Selbstvertrauen und Sicherheit im Umgang mit der Sprache und Lernkultur der Mehrheitsgesellschaft entwickeln, sodass ein erfolgreicher Übergang zu den allgemeinbildenden Regelschulen möglich wird.



Die Münsteraner Schlauberger


Ohne eine eigene Bildungsinstitution außerhalb des regulären deutschen Bildungsystem kommt das Münsteraner Projekt „Schlauberger“ aus, das seit 2005 von der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender (GGUA) in Zusammenarbeit mit Schulen der Stadt entwickelt wurde. Dabei betreuen ca. 75 ehrenamtliche Lernpatinnen und Lernpaten etwa 90 Kinder aus Flüchtlingsfamilien, von denen viele Roma aus dem Kosovo sind.
Jeder Pate unterstützt dabei in der Regel ein Kind, dem er regelmäßig bei den Hausaufgaben hilft. Aber nicht nur das. Er versucht sein Patenkind auch zusätzlich sprachlich zu fördern, indem er ihm vorliest oder ihm Geschichten erzählt. Außerdem dient er als Spielkamerad und vor allem auch als Ansprechpartner, wenn sein Patenkind Schwierigkeiten hat. 

Die Paten sind in der Regel Jugendliche, die von einer Lehrerin zweimal im Schulhalbjahr eine Anleitung für die ehrenamtliche Hausaufgabenbetreuung erhalten. Dabei besteht eine enge Kooperation mit der Lernförderschule, die überwiegend von den Roma-Kindern und Jugendlichen besucht wird. Auf diese Weise ist eine Ausrichtung auf konkrete Lernschwierigkeiten möglich. Die Betreuung selbst erfolgt entweder in den Familien der geförderten Kinder oder öffentlichen Einrichtungen. 


Aus diesen Erfahrungen hat sich seit 2009 ein Projekt „Schlauberger II“ als Ergänzung entwickelt, das sich an die Mütter der Kinder wendet. Ihnen werden Deutschkurse und Vorträge zu Schul- und Erziehungsfragen angeboten. Auch können sie durch Unterrichtshospitationen Einblick in den deutschen Schulalltag gewinnen. (Knaus, S. 45)


Identifikationsbildung durch Teilhabe

Eine wahrgenommene strikte Trennung, die bereits Kinder und Jugendliche zwischen sich und der Mehrheitsgesellschaft wahrnehmen, verhindert eine Identifikation mit der weiteren Wohnumgebung und auch der Stadt, in der man lebt. Sie werden als etwas Fremdes, wenn nicht gar Feindliches erlebt, sodass man sie entsprechend behandelt. Sie werden nicht als Teil des eigenen Quartiers betrachtet, sodass man sich dort nicht verantwortlich fühlt und sich nicht dafür engagiert. Das kann sogar zur Vermüllung, zum Vandalismus und zur Kleinkriminalität führen.

Um diesen Tendenzen entgegenzuwirken, versuchen etwa in Münster Sozialarbeiter den durch die Segregation und die geringe Mobilität sehr eingegrenzten Erfahrungsraum von Kindern und Jugendlichen auszuweiten. Deshalb veranstaltet man wöchentliche Ausflüge, um andere Teile der Stadt kennenzulernen. Ziel ist es dabei, dass sich die Sinti- und Roma-Kinder nicht nur als Angehörige ihrer Familie und ihrer ethnischen Gruppe, sondern auch als Bewohner Münsters begreifen. (Knaus/ Widmann, S. 48)



Schlussfolgerungen für die George-Albrecht-Straße


Diese Hintergrundinformationen über die Roma und vor allem die Erfahrungen mit konkreten Modellprojekten können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung konkreter Maßnahmen für den sozialen Brennpunkt George-Albrecht-Straße sein, der Blumenthal immer wieder mit negativen Schlagzeilen in den Medien belastet.

Nach einer Erklärung eines Arbeitskreises Blumenthal, in dem sich vor allem PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und Polizisten aus Blumenthal seit 2003 treffen, die vor Ort mit den Problemen konfrontiert sind, haben in der George-Albrecht-Straße vor Jahren vor allem Roma-Familien aus verschiedenen Stadtteilen Wohnraum gefunden, nachdem ein Übergangswohnheim aufgelöst wurde. Damit dürfte es sich vor allem um Flüchtlinge aus dem Kosovokrieg handeln.

Über die Vergabe der Wohnungen und vor allem die Frage, ob dabei auch Überlegungen zu möglichen Folgen einer Ghettobildung angestellt wurden, macht die Arbeitsgruppe keine Angaben, sondern berichtet, dass die ursprünglichen Bewohner der Straße in das nähere Umfeld im Stadtbezirk gezogen sind.

In den folgenden Jahren sollen zunehmend weitere extrem hilfebedürftige
Personengruppen, und zwar andere ethnische Gruppen sowie Wohnungslose ohne Migrationshintergrund in diese Straße gezogen sein. Dadurch scheint ein ethnisch gemischtes Quartier von sozial deprivierten Bewohnern entstanden zu sein, in dem unterschiedliche Kulturen auf engem Raum nebeneinander leben.

Zur aktuellen Situation gibt es nur grobe Daten, die sich sogar teilweise widersprechen. So sollen, wie auf einer öffentlichen Anhörung zu einer „Erklärung zur Gesamtsituation in Bremen-Blumenthal und zur George-Albrecht-Straße“ des Arbeitskreises Blumenthal im Blumenthaler Sozialausschuss im März 2013 erklärt wurde, etwa 300 Roma in diesem Quartier leben, die zu einem großen Teil Flüchtlinge aus dem Kosovo sind. Ob auch Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien hier inzwischen leben und welches Gewicht sogenannte „Araber“ haben, war hingegen nicht zu klären. Generell wurde vor allem von Problemen bei Aufenthalts- und Arbeitserlaubnissen berichtet.

In den kommenden Jahren erwartet die Arbeitsgruppe „vor allem Zuzüge von Migranten aus Osteuropa“, also konkret vermutlich vor allem von Roma aus den EU-Ländern Bulgarien und Rumänien, wodurch „eine starke Zunahme weiterer sozialer und bildungspolitischer Problemfelder zu erwarten“ ist.


In Bremen wurde diese neue Migrationsproblematik Anfang 2013, als vor allem die Zuwanderung sogenannter Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und Rumänien in den deutschen Medien und vom Deutschen Städtetag thematisiert wurde, in Verbindung mit dem SPD-Abgeordneten Martin Korol auf eine „Rassismusfrage“ eingegrenzt. Das SPD-Mitglied hatte sich nicht an die Regeln der political correctness gehalten und wurde daher aus der Fraktion ausgeschlossen, obwohl ihm die Staatsanwaltschaft bestätigte, auf seiner Webseite keine strafrechtlich relevanten Aussagen gemacht zu haben.
  
Durch diese Personalisierung fand in Bremen keine Diskussion der von Korol auch angesprochenen Zuteilungspolitik auf dem Wohnungsmarkt und der speziellen Integrationsschwierigkeiten der Roma statt. 

Das gilt auch für die Situation im Umfeld der George-Albrecht-Straße, für die auf Initiative der Bürgerschaftsfraktionen von SPD und Grünen eine Arbeitsgruppe Blumenthal aus Vertretern von senatorischen Behörden geschaffen wurde.

Diese Aufarbeitung inhaltlicher Probleme wird die Arbeitsgruppe Blumenthal nachholen müssen, wenn sie sich mit der konkreten Lebenssituation im Umfeld der George-Albrecht-Straße beschäftigt. Allerdings liegen dazu bisher noch keine Daten über die dortige Wohnbevölkerung vor, was nach den Erfahrungen in ähnlichen Quartieren häufig auf große Schwierigkeiten stößt, sodass man keine repräsentativen Zahlen erwarten kann.

Bevor jedoch nicht wenigstens grobe Werte vorliegen, lassen sich nur einige Problemfelder ansprechen, die bei einer zukünftigen Quartierspolitik berücksichtigt werden müssen, wenn man einmal von der offensichtlich größten Einwohnergruppe, den Roma, ausgeht.



Roma sind weder Araber, Kurden, Türken oder der Miri-Clan

Auch wenn die deutsche Mehrheitsgesellschaft kaum zwischen den einzelnen Randgruppen und ihrem ganz spezifischen Schicksal differenziert, ist das notwendig, sofern man ein Konzept entwerfen will, das sowohl Gemeinsamkeiten wie die Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen als auch die spezifischen Kulturen berücksichtigen will.

Neben den Roma scheinen, wie auch in Bremen insgesamt, relativ viele Angehörige der Volksgruppe der Mhallamiye an der George-Albrecht-Straße zu wohnen, wobei deren Zuordnung strittig ist. Nach der Herkunft handelt es sich um eine arabischsprachige Volksgruppe von weltweit 150.000 Menschen, die heute vor allem in der türkischen Provinz Mardin und im Libanon lebt. Die Zuwanderung nach Bremen wurde durch den Libanesischen Bürgerkrieg ausgelöst, liegt also schon einige Jahrzehnte zurück.


Wegen ihrer kaum erforschten Geschichte werden die Mhallamiye auch als Araber oder Kurden bezeichnet bzw. wegen ihrer Herkunft als Libanesen. 

Ihr rechtlicher Status in Deutschland ist häufig strittig. Das gilt auch für die in Deutschland geborenen Kinder, da ihre Großeltern und Eltern vor 25 und mehr Jahren teilweise unter ungeklärten Umständen eingereist sind und sie wegen fehlender Pässe oft als staatenlos gelten. Daher leben sie ohne ein geregeltes Bleiberecht und müssen ständig für drei oder sechs Monate ihren Aufenthalt als Geduldete verlängern.

Diese Minderheit, die ähnlich wie die Roma eine traditionelle Familienstruktur besitzt, ist in Deutschland und vor allem auch in Bremen durch die Aktivitäten des Miri-Clans belastet, der Eigenschaften der organisierten Kriminalität aufweist, da seine Mitglieder Schutzgelder erpressen sowie im Drogen- und Waffenhandel und im Rotlichtmilieu aktiv sein sollen. Hier wurden, wie sogar die linke taz bereits im Jahr 2003 warnte, mafiöse Strukturen aufgebaut.


Dabei ist allerdings zu beachten, dass in Bremen rund 2.600 Mitglieder dieser Volksgruppe leben sollen, von denen etwa 600 zur Miri-Familie gehören. Beide Gruppen sind also nicht identisch und zudem kennt ein Rechtsstaat keine Sippenhaftung.


Ausgangspunkte möglicher Maßnahmen


In Blumenthal hat es einige Zeit gedauert, bis sich Politik und Verwaltung intensiver mit dem sozialen Brennpunkt George-Albrecht-Straße beschäftigt haben, wie die Medien dieses Problemfeld in der Regel bezeichnen. Dabei standen neben Leerständen vor allem von Geschäftslokalen besonders die Delikte krimineller Banden im Vordergrund der Berichterstattung, so dass sogar von einem „rechtsfreien Raum“ gesprochen wurde.



Bremischer Lösungsansatz


Nachdem die Regierungsparteien nach Jahren des Zuschauens die kritische Situation nicht mehr übersehen konnten und wollten, brachten sie Ende 2012 gemeinsam einen Dringlichkeitsantrag in die Bürgerschaft ein. Darin haben die anscheinend sehr sachkundigen Politiker einerseits den Senat gleich zu konkreten Maßnahmen aufgefordert und andererseits die Schaffung einer Arbeitsgruppe beantragt, „die gemeinsam mit dem Quartiersmanagement ein Konzept für die George-Albrecht-Straße und das Umfeld erarbeitet“.

Der magische Schlüssel zum Erfolg, den man merkwürdigerweise vorher noch nicht kannte, wird dabei in einem Quartiermanagement und einem Quartierstreffpunkt gesehen. Dabei haben sich die Politiker auch gleich genaue Vorstellungen von den Räumlichkeiten gemacht, denn hier soll das Quartiermanagement seinen Sitz haben, eine Anlauf- und Austauschstelle für die Bewohner sein und „eine regelmäßige Sprechstunde des Kontaktpolizisten“ angeboten werden. Es soll sich also vor allem um eine Verwaltungseinrichtung mit speziellen Aufgaben handeln, wobei anscheinend niemand darüber nachgedacht hat, ob eine derartige Einrichtung auch von segregierten Bevölkerungsgruppen akzeptiert und in dieser Form benötigt wird.


Das Quartiermanagement, über dessen Qualifikationen und Aufgaben man sich keine Gedanken gemacht hat, soll im Rahmen einer Arbeitsgruppe ein Konzept ausarbeiten. Anders als zu den inhaltlichen Fragen haben die Antragsteller zur Zusammensetzung dieses Gremium konkrete Überlegungen angestellt. So sollen bestimmte Ressorts vertreten sein, andere hingegen nicht. Für notwendig halten die Politiker die Bereiche „Soziales, Arbeit, Bau, Inneres sowie ..(die) Senatskanzlei“, während der Bildungsbereich völlig fehlt.

Nicht unbedingt zum Nachteil der weiteren Arbeit ist dann die Verwaltung von diesen Vorgaben teilweise abgewichen. So wurde eine Arbeitsgruppe „Vernetzte Quartiersentwicklung im Umfeld der George-Albrecht-Straße“ etabliert, bevor ein Quartiersmanagement mitarbeiten konnte, aber eben auch Jahre nach dem Beginn der selektiven Zuwanderung mit ihren absehbaren sozialen Begleiterscheinungen. Zusätzlich hat man das anscheinend „vergessene“ oder etwa für überflüssig gehaltene Bildungsressort noch beteiligt.


Dieses Vorgehen wurde auch aufmerksam und kritisch von zahlreichen MitabeiterInnen im Bereich der sozialen Dienste verfolgt, die beruflich unmittelbar in den Kindergärten und Schulen mit den Bewohnern zu tun haben. Sie haben in einem offenen Brief vom 18.01.2013 auf ihre Problemsicht aufmerksam gemacht, bevor sich drei Tage später die senatorische Arbeitsgruppe erstmals getroffen hat.

In der ersten Sitzung Ende Januar 2013 musste dieses Gremium zunächst feststellen, „dass – vor allem zur Entwicklung einer nachhaltigen Entwicklungsperspektive - die Datenlage unbefriedigend ist und nachgebessert werden muss.“ Dabei wurde auch eingeräumt, dass „die Interessen der Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers .. ebenfalls nicht bekannt“ sind.

Daher hat man ein externes Büro mit einer entsprechenden Untersuchung und der Ausarbeitung erster Handlungsempfehlungen beauftragt. Dabei ist nicht von einer ergebnisoffenen Politikberatung die Rede, was auch schwer sein dürfte, wenn zuvor bereits per Mehrheitsbeschluss in der Bürgerschaft sehr konkrete Bewertungen vorgenommen und konkrete Maßnahmen beschlossen wurden.

  
Bevor diese Informationen über die Wohnbevölkerung vorliegen, lassen sich bestenfalls allgemeine Hinweise auf mögliche Maßnahmen entwickeln, vor allem jedoch über den Weg, auf dem die zuständigen Behörden zu einem Konzept gelangen wollen.


Bürokratische Problemnormierung



Durch die politischen Vorgaben sind die Möglichkeiten der Arbeitsgruppe erheblich begrenzt. Das gilt sowohl für die Zusammensetzung aus Repräsentanten einzelner Senatsressorts, vor allem aber durch die Vorgabe einzelner Maßnahmen, die ohne begründetes Konzept vorab beschlossen wurden.

Dieses in der Hierarchie weit oben angesiedelte Gremien hat jedoch nicht nur die Mitarbeiter vor Ort ausgespart, die sich durch eine Erklärung zu Wort gemeldet haben. Daneben fällt auf, dass anscheinend keine Beteiligung der Bewohner vorgesehen ist. Auch ist offenbar nicht daran gedacht, die Erfahrungen in anderen Städten zu nutzen und den dort angesammelten Sachverstand an der Entwicklung von Konzepten für Blumenthal zu beteiligen. So erscheint der Ansatz extrem kopf- und verwaltungslastig und man muss sich fragen, ob die Damen und Herren in der Verwaltung tatsächlich glauben, dass sie mehr oder weniger am grünen Tisch und ohne praktische Erfahrungen gute Maßnahmen für Menschen konzipieren können, die nicht nur einer anderen sozialen Schicht und einer anderen Kultur angehören, sondern in der Regel auch Biographien besitzen, die den Karrieren typischer Verwaltungsbeamter kaum ähneln.


Offensichtlich will man auf die Erfahrungen in den Bremer WiN-Gebieten zurückgreifen, obwohl einräumt wird, dass das Quartier um die George-Albrecht-Straße bereits die formalen Voraussetzungen für eine WiN-Gebiet nicht erfüllt. So war zunächst vorgesehen, den sozialen Brennpunkt im Zentrum Blumenthals auf diese Weise einzuordnen und nach dem erprobten Muster in diesen Verwaltungsbahnen zu entschärfen. 


Quartiersmanagement und Quartierstreffpunkt als Hoffnungsträger


Die Lösung wird dabei von anscheinend magischen Fähigkeiten eines Quartiersmanagement und der Einrichtung eines Quartierstreffpunkts erwartet, wobei die externen Politexperten bereits Räumlichkeiten im Auge haben, ohne dass die Bedürfnisse der Bewohner überhaupt bekannt sind.
Wenn man auf die Angebote von Roma-Fördervereinen in anderen Städten sieht, können recht unterschiedliche Räumlichkeiten wünschenswert sein: etwa kleine intime Zimmer für Beratungen, eher funktionale Räume für eine Hausaufgabenbetreuung, Spielgelegenheiten für kleinere Kinder und flexible Säle für Vorträge im Rahmen der Elternarbeit, Tanzveranstaltungen oder Familienfeste, um einige relativ häufige Beispiele zu nennen.


Anscheinend glauben hier die Bürgerschaftsabgeordneten und die höhere Sozialbürokratie besser als andere zu wissen, was die Bewohner brauchen. Das kann leicht zu späteren Klagen darüber führen, dass die „undankbaren“ Betroffenen keine eigenen Initiativen entwickelt haben und möglicherweise das ihnen aufgetischte Essen nicht anrühren.

Auch ohne eine sachkundige Problemdiagnose wollen die Entscheidungsträger eine QuartiermanagerIn mit einem befristetem Vertrag einstellen, ohne sich auch nur mit den inhaltlichen Anforderungen und damit dem Anforderungsprofil beschäftigt zu haben.



Erkennbare Defizite der bürokratischen Strategie


Dabei kann eine Quartiersarbeit sehr unterschiedlich aussehen wie die Beispiele aus anderen Städten zeigen. Hier lassen sich zumindest verschiedene Schwerpunkte setzen, je nachdem ob stärker Beratungsdienstleistungen erforderlich sind, eine aktive Elternarbeit, die Organisation von LernpatInnen, die Initiierung von Bewohneraktivitäten oder auch die Stärkung der kulturellen Identität etwa der Roma-Minderheit erforderlich und gewünscht ist. Hier ist auch zu beachten, dass sich häufig erst über Brücken zur Roma-Kultur Vertrauen gewinnen und die Türen für weitere Aktivitäten öffnen lässt.

Es mag nach einer modernen und politisch sehr korrekten Lösung aussehen, wenn man sich für ein Quartiermanagement einsetzt und gleich noch eine Verlängerung der ersten Befristung fordert. Nur ist damit wenig gewonnen, wenn man alle inhaltlichen Fragen und damit auch die Verantwortung für das Gelingen an das schwächste Glied der Kette, den Inhaber der Managerstelle abwälzt.

Wichtige Aspekte der Quartiersarbeit mit Roma werden offensichtlich gar nicht gesehen oder völlig missachtet, wenn für eine Volksgruppe, die mit Polizeiinstanzen keine positiven Erfahrungen verbindet, ein Quartierstreffpunkt per Bürgerschaftsbeschluss durchgesetzt wird, an dem helfend-beratende und eher kontrollierende Funktionen räumlich verbunden sind.


Diese Idee dürfte kaum der Inklusionspolitik der EU entsprechen, die nicht zuletzt die kulturelle Identität der Roma und damit deren Selbstbewusstsein stärken will. Dem widerspricht jedoch ein Konzept, das erklärtermaßen „ganz klar soziale Angebote mit Fragen der Inneren Sicherheit“ koppeln will.

Aber auch andere Fragen des Zusammenlebens werden völlig ausgeklammert. Das gilt für ein besseres Kennenlernen von Mehrheit und Minderheit, wie es zum Beispiel durch Musik- und Straßenfeste versucht wird. Auch die Aktivierung von Ehrenamtlichen, die etwa nach dem Modell der Lernpaten arbeiten oder Kurse für die Mütter organisieren, wurde nicht einmal angesprochen.

Es fragt sich, wie man es ohne solche Maßnahmen erreichen will, dass sich die Roma und andere Migrantengruppen nicht nur als Teil ihres Volkes oder ihrer Nation verstehen, sondern auch als Blumenthaler. Das dürfte wiederum eine notwendige Voraussetzung für weniger Vermüllung, Vandalismus und Kriminalität sein.

Man kann daher nur hoffen, dass man ein Quartiermanagement findet, dass sich trotz dieser widrigen Rahmenbedingungen mit viel Problemverständnis an die Arbeit macht.

Sonst besteht die große Gefahr, dass der Aktionismus von Bürgerschaft und Verwaltung nur eine politische Alibifunktion erfüllt.





Quellen:

Berry, John W., Immigration, Acculturation, and Adaptation, in: Applied Psychology: An International Review, 1997, S. 5-68. 

Caspari, Lisa, EU-Osterweiterung. Verarmte Roma, überforderte Kommunen, in: Die Zeit vom 19. Februar 2013.
Engbring-Romang, Udo, Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen von der frühen Neuzeit bis nach dem II. Weltkrieg.
Gruber, Daniela, Transnationale religiöse Netzwerke von Roma und Sinti Eine sozialanthropologische Untersuchung der Wallfahrten nach Saintes Maries de la Mer und Mariazell, MA, Wien 2012.
Jovanovic, Zeljko, Participation and Representation, in: Ders. und Jovanovic, Zeljko, Pathways to Progress? The European Union and Roma Inclusion in the Western Balkans, Budapest 2010, S. 24 ff.
Knaus, Verena, Widmann, Peter u.a., Integration unter Vorbehalt - Zur Situation von Kindern kosovarischer Roma, Ashkali und Ägypter in Deutschland und nach ihrer Rückführung in den Kosovo. Deutsches Komitee für UNICEF, Köln 2010.

Koch, Ute, Roma und soziale Arbeit – Zur Kommunikation von Hilfsbedürftigkeit, in: Die Herstellung und Reproduktion sozialer Grenzen: Roma in einer westdeutschen Großstadt. Ansprachen und Materialien zur Verleihung des Augsburger Wissenschaftspreises für Interkulturelle Studien 2005, Augsburg 2006, S. 36-47.
Ljubic, Nicol, Die Angst des Königs, in: Der Spiegel vom 01.10.1999.
Marushiakova, Elena und Popov, Vesselin, The Relations of Ethnic and Confessional Consciousness of Gypsies in Bulgaria, in: Facta Universitas. Philosophy and Sociology, Vol.2, No 6, 1999, S. 81 – 89.
Dies., The Roma – a Nation Without a State? Historical Background and Contemporary Tendencies, in: Streck Bernhard (Hg.), Segmentation und Komplementarität. Organisatorische, ökonomische und kulturelle Aspekte der Interaktion von Nomaden und Sesshaften. Beiträge der Kolloquia am 25.10.2002 und 27.06.2003. Halle 2004 (Orientwissenschaftliche Hefte 14; Mitteilungen des SFB „Differenz und Integration“ 6), S. 71–100.
Müller, Stephan, Socio-Economic Situation of Roma in the Western Balkans, in: Ders. und Jovanovic, Zeljko, Pathways to Progress? The European Union and Roma Inclusion in the Western Balkans, Budapest 2010.
Nelaj, Dritan, Kaçiu, Ervin, Dundo, Jona und Zyhdi Dervishi, Factors affecting Roma Integration in Albania. A Comparative Study, Tirana 2012.
Rorke, Bernard, Beyond First Steps: What Next for the EU Framework for Roma Integration? Budapest 2013. 
Schneider, J., Schulen für Sinti und Roma. Die Welt außerhalb des Clans, in: Süddeutsche Zeitung vom 17.5.2010.
Schwentner, Alexander, Drehscheibe Augarten – Eine sozialwissenschaftliche Analyse der Konzeption, des Arbeitskonzepts und der Funktionsweise eines Krisenzentrums für unbegleitete minderjährige Fremde, MA, Wien 2009.
Strauß, Daniel, „da muß man wahrhaft alle Humanität ausschalten..."
Zur Nachkriegsgeschichte der Sinti und Roma in Deutschland, 1998

Ders. (Hg.), Studie zur aktuellen Bildungssituation der deutschen Sinti und Roma. Dokumentation und Forschungsbericht, Marburg 2011.





Donnerstag, 16. Mai 2013

Tanklager & Krebs



Besorgniserregende „Zufälle“

oder eine 

"Alternative Interpretation der Tanklager-Krebsstudie"



Das Bremer Krebsregister hat eine kleinräumige Auswertung seiner Daten für die Blumenthaler Ortsteile Farge und Rönnebeck vorgelegt, um einem möglichen Zusammenhang zwischen den Grundwasserkontaminationen durch das Tanklager Farge und Krebserkrankungen nachzugehen. Dabei wird nicht zwischen den Einwohnern, die auf den Kontaminationsfahnen leben, und der übrigen Bevölkerung unterschieden.

Betrachtet man die bei dem Untersuchungszweck interessierenden Benzol-affinen Krebserkrankungen, ergeben sich für die beiden Ortsteile Häufigkeiten, die deutlich über denen von Bremen insgesamt liegen, wobei dieser Unterschied in den letzten Jahren noch deutlich angestiegen ist. So war dieser Wert in den zehn Jahren zwischen 2000 und 2009 um 26 % höher. Dabei zeigte sich ein deutlicher Trend, denn während die Abweichung in den ersten fünf Jahren 16 % betrug, stieg sie in den letzten fünf Jahren auf 35 %.

Auch wenn die Zahl der Erkrankungen zum Glück für die betroffenen Anwohner absolut mit 57 Fällen insgesamt relativ gering ist und damit durch Erhebungsfehler und andere „Zufälle“ beeinflusst sein kann, weisen sie auf ein wahrscheinlich deutlich erhöhtes Krebsrisiko hin. Dafür spricht, dass alle drei verwendeten Teilindikatoren in dieselbe Richtung zeigen. 


Falls diese erhöhten Werte vor allem durch Krankheitsfälle auf der Kontaminationsfahne bedingt sind, kommt man in entsprechenden Modellrechnungen zu Fallzahlen, die als besorgniserregend einzustufen sind. 

Im Hinblick auf die anstehenden Entscheidungen zur weiteren Nutzung des Tanklagers ist es daher fahrlässig, wenn die Ergebnisse der Auswertungen als „nicht signifikant“ verharmlost werden.

Vielmehr sind Gesundheitsuntersuchungen erforderlich, die den tatsächlichen Zusammenhängen zwischen Kontakten mit dem verseuchten Grundwasser einerseits und Tanklager-affinen Erkrankungen andererseits nachgehen. Es reicht also nicht aus, wenn man ausschließlich mit verwässerten Daten arbeitet, ohne dieses Verfahren auch nur zu begründen.

Zudem muss berücksichtigt werden, dass die im Grundwasser nachgewiesenen Gifte nicht nur kanzerogen, also krebsauslösend, sind, sondern auch zu einer Reihe anderer Krankheiten führen können. Das gilt vor allem für die Kinder, die von Expositionen mit den Schadstoffen besonders betroffen sein dürften, bei denen aber allein wegen der langen Latenzzeiten praktisch noch keine Krebserkrankungen auftreten können.




Ein Text mit einstimmender Ouvertüre



Nachdem die Presse bereits vorab über eine kleinräumige Sonderauswertung des Krebsregisters informiert wurde, können inzwischen auch weniger privilegierte Interessierte diese Studie von zwei Wissenschaftlerinnen des Bremer Krebsregisters beim Blumenthaler Ortsamts abrufen, wenn sie auf dessen Seite mit etwas Glück fündig werden.

Schneller und leichter als die gesamte 24seitigen Studie mit ihrem Fachvokabular und ihren statistischen Feinheiten sind die Presseartikel lesbar. Dabei titelt das BLV „Farger haben häufiger Hautkrebs. Bei sechs von sieben Erkrankungsarten keine „signifikante Erhöhung“ festgestellt.“ (Drieling). Das sieht nach einer Art Entwarnung aus, da kaum jemand aufgrund seiner angelesenen Medizinkenntnisse Erkrankungen an Hautkrebs mit den Grundwasserkontaminationen in Verbindung bringen wird.

Bedrohlicher wirkt die Überschrift in der Norddeutschen, wo der Leser mit einem möglichen Widerspruch konfrontiert wird: „Mehr Krebs rund ums Tanklager. Gutachter sehen jedoch keinen direkten Zusammenhang“ (Denker). Das regt zum Nachdenken über die Wissenschaftler an, die möglicherweise ihre eigenen Zahlen kleininterpretieren wollen.

Dabei muss man nicht einmal daran denken, dass sie im Auftrag des Gesundheitsamtes gearbeitet haben (Luttmann/ Eberle, S.1), also einer Behörde des Gesundheitssenators, dem auch die Gewerbeaufsicht untersteht, die für die Betriebserlaubnis des Tanklagers verantwortlich ist. Vielleicht ist es einfach nur eine formale statistische Routine.

Wer sich jedoch beim Blumenthaler Ortsamt informiert, bekommt mit der Studie nicht nur eine gleichsam offizielle Zusammenfassung mitgeliefert, sondern auch eine ganz dicke Beruhigungspille. So heißt es dort: Bei sechs der sieben untersuchten Gruppen von Krebserkrankungen „wurden keine signifikanten Unterschiede ermittelt; dies gilt auch für die Leukämie- und Lymphomerkrankungen, die spezifischer mit einer Benzolexploration in Verbindung gebracht werden könnten.“

Damit scheinen die Vermutungen über einen Zusammenhang von Krebserkrankungen und der Grundwasserkontamination durch das Tanklager gegenstandslos zu sein.

Der ermittelte signifikante Unterschied beim nicht-melanotischen Hautkrebs scheint daher bestenfalls eine Randbemerkung zu verdienen. „Hauptrisikofaktor für diese Krebsart ist allerdings die ungeschützte Sonnenexposition“, heißt es daher erklärend und der unbekannte Autor dieser Zusammenfassung folgert: „Ein Zusammenhang mit dem Grundwasser wird als sehr unwahrscheinlich betrachtet.“



Zeitverlust durch Kontrolle 



Bei dieser deutlichen Entwarnung in der offiziellen Zusammenfassung bleibt es offen, warum eine Untersuchung, die nach der Angabe auf dem Titelblatt bereits im März 2013 vorgelegen hat, erst jetzt veröffentlicht wird. Danach lässt sich errechen, dass die Wissenschaftlerinnen etwa 10 Wochen für die Studie benötigt haben, während der wissenschaftliche Beirat des Krebsregisters anschließend acht Wochen für sein Votum gebraucht hat, „um sicherzustellen, dass die Methodik guten wissenschaftlichen Standards entspricht.“
Dabei ist es ohnehin die Frage, warum diese Prüfung, denn von Zensur kann sicherlich keine Rede sein, überhaupt erfolgt, da die Autorinnen der Studie durch ihre Promotion bewiesen habe, dass sie wissenschaftlich arbeiten können. So ist zumindest das Selbstverständnis einer freien Wissenschaft. 

Aber man darf natürlich nicht zu viel in diese merkwürdigen Fristen hineingeheimnissen, denn wahrscheinlich waren die Beiräte aufgrund ihrer vielfältigen Verpflichtungen nur zeitlich sehr beansprucht. Die acht Wochen müssen also nicht auf Unstimmigkeiten oder längere Vorüberlegungen zur Präsentation der Ergebnisse hinweisen.



Die Abgrenzung der betroffenen Bevölkerung



Wenn man Zusammenhängen zwischen zwei Merkmalen, wie hier den Krebserkrankungen und der Grundwasserkontamination durch das Tanklager nachgeht, ist die Abgrenzung des Untersuchungsbereichs von zentraler Bedeutung, da sich mögliche Effekte verwässern lassen, wenn man gleichzeitig Fälle betrachtet, bei denen gar keine Wirkung vermutet werden kann.
Falls man also die betrachtete Region nur genügend ausweitet, lässt sich praktisch jeder noch so enge Zusammenhang in der Menge aller Fälle „verstecken“, so dass kein signifikanter Zusammenhang mehr gefunden werden kann. 

Dieses Problem stellt sich bei dieser Studie in ganz gravierender Weise, da sich die Schadstoffe des Tanklager nicht durch die Luft wie in den Fällen der BWK- und der Stahlwerke-Region verbreiten, sondern durch das Grundwasser.

Es liegt daher nahe, vor allem die Bewohner der Grundstücke zu untersuchen, die auf der Kontaminationsfahne leben bzw. für die vom Umweltamt eine Warnung vor der Verwendung des Grundwassers im Hinblick auf ein erhöhtes Krebsrisiko erhalten haben.

Das machen die beiden Wissenschaftlerinnen jedoch nicht, sondern erklären ohne weitere Begründung die gesamten Ortsteile Farge und Rönnebeck zum Untersuchungsgebiet: „Auf Grundlage der Ergebnisse der bisherigen Grundwasseruntersuchungen innerhalb und außerhalb des Tanklagers Farge wurden für die kleinräumige Analyse die Ortsteile Farge und Rönnebeck als potentieller Gefährdungsbereich definiert.“ (Luttmann/ Eberle, S. 4) 


Neben dem Hinweis auf einen nicht näher erläuterten Zusammenhang mit den „Ergebnissen“ muss das Wort „potenziell“ in diesem Zusammenhang besonders überraschen, denn es lassen sich nur sehr, sehr wenige Krebsuntersuchungen finden, in denen nicht konkrete Expositionen, also reale Kontakte, sondern bereits mögliche Gefährdungen Krebserkrankungen ausgelöst haben. 


Nur Nebelkerzen? 

Fragezeichen muss man jedoch nicht nur bei der Abgrenzung des Untersuchungsbereichs, sondern auch bei Auswahl der betrachteten Krebserkrankungen setzen, die sich bekanntlich in ihrer Entstehung und ihrem Verlauf deutlich unterscheiden. 

Warum bei einer eindeutigen Forschungsfrage, die sich ausschließlich auf die karzinogenen Auswirkungen von den nachgewiesenen Giftstoffen bezieht, Krebserkrankungen generell ( Gruppe I) und speziell noch zusammengefasst Krebserkrankungen, bei denen breite Früherkennungsmaßnahmen (Gruppe II) eingesetzt werden, nicht nur ermittelt, sondern später bei der Präsentation der sieben Erkrankungsarten verwendet werden, bleibt unklar. So ist die Aussage nicht einmal korrekt, da alle speziell ausgewiesenen Erkrankungsarten (Gruppen III-VII) (1) und auch die Gruppe II bereits in der Gesamtzahl enthalten ist. Entsprechendes gilt für die Gruppen III und IV, die Teilmengen der Gruppe V sind. Es kann also keineswegs von sieben untersuchten Erkrankungsarten gesprochen werden.

Die besonders fragwürdige Gruppe II, die aus Krebslokalisationen besteht, für die nicht wegen ihrer Entstehung, sondern aufgrund ganz praktischer Überlegungen wie beim Brustkrebs Screenings erfolgen, soll angeblich der Aufdeckung einer „Beeinflussung der Inzidenzraten“ dienen, worauf allerdings später nicht näher eingegangen wird.

So sieht es für einen kritischen Leser so aus, dass diese Daten nur ermittelt und vor allem publiziert wurden, um nicht signifikante Ergebnisse auszuweisen, die jedoch wie die Autoren selbst schreiben, keinen Bezug zu den Tanklagerkontaminationen besitzen.

Es ist also irreführend, wenn etwa in der Zusammenfassung von sieben untersuchten Gruppen von Krebserkrankungen gesprochen wird, da niemand entsprechende Vermutungen etwa im Hinblick auf Krebserkrankungen gemacht hat, für die Früherkennungsmaßnahmen eingesetzt werden.

Man hätte dieses Spiel auch noch weiter treiben können, wenn man die Indikationen nicht zusammengefasst, sondern einzeln ausgewiesen hätte. Die Aussage über die sieben Gruppen von Krebserkrankungen, von denen nur eine signifikante Ergebnisse gebracht haben soll, die dann leicht als irrelevant im Hinblick auf das Tanklager Farge interpretiert werden konnten, ist also irreführend.

Im Hinblick auf die Grundwasserkontaminationen durch das Tanklager sind daher ausschließlich die Gruppen III, IV und V für mögliche Auswirkungen von Benzol und die Gruppen VI und VII für Benzpyren von Bedeutung. (Luttmann/ Eberle, S. 7)



Vergleichsortsteile nach dem Benachteiligungsindex



Um mögliche Verzerrungen der Ergebnisse durch ein unterschiedliches Gesundheitsverhalten zu reduzieren, verwendet das Bremer Krebsregister Vergleiche mit sozialstrukturell ähnlichen Regionen, für die als Indikator ein in der Gesundheitsbehörde entwickelter Benachteiligungsindex (Derzak) verwendet wird.


Diese Methode scheint sich vor allem für Untersuchungen zum Lungenkrebsrisiko zu eignen, das stark durch ein schichtspezifisches Raucherverhalten beeinflusst wird. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass der Benachteiligungsindex nicht für diesen Zweck entwickelt wurde und keine gesicherten Aussagen zum tatsächlichen Gesundheitsverhalten in einer Region zulässt.

Auch wenn man die Methode nicht an diesem Problem scheitern lassen will, verlangt sie jedoch eine saubere Anwendung, d.h. man muss ohne Wenn und Aber tatsächlich den ähnlichsten Ortsteil auswählen. Dazu heißt es in der Studie: „Die Auswahl erfolgte nach dem Ranking des Bremer Benachteiligungsindex durch Auswahl des jeweils im Ranking direkt darunter stehenden Ortsteils. Für die Ortsteile Farge und Rönnebeck weisen die Ortsteile Hulsberg und die Altstadt eine vergleichbare Sozialstruktur auf“ (Luttmann/ Eberle, S. 5)

Diese Aussage ist zwar nicht falsch, aber sie lässt eine ganz wichtige Frage unbeantwortet. Wenn man die Index-Zahlen, wie sie in der folgenden Tabelle zu finden sind, betrachtet, wird deutlich, dass die ausgewählten Ortsteile zwar ähnlich sind, aber nicht die größte Ähnlichkeit nach diesem Kriterium aufweisen. Das trifft vielmehr für Buntentor und Südervorstadt zu. Die somit willkürliche Auswahlentscheidung bleibt damit unbegründet.



Bremer Ortsteile und ihre Werte für den Benachteiligungsindex



Ortsteil
Benachteiligungsindex
Buntentor
2,14
Rönnebeck
7,42
Altstadt
15,93
Südervorstadt
20,39
Farge
20,64
Hulsberg
21,32

Quelle: Derzak, S. 14
Ohne jede Erklärung haben sich die Autorinnen also gegen das „Philosophenviertel“ der Südervorstadt und ein sich mauserndes Quartier wie Buntentor entschieden und wollen stattdessen vorstädtische Gemeinden mit der Altstadt und Hulsberg vergleichen. 

Da es vor allem um Benzol-affine Krebserkrankungen geht, wäre es vermutlich ohnehin sinnvoller gewesen, auf ähnliche Verkehrsbelastungen und weniger auf den Benachteiligungsindex zu achten, um Verzerrungseffekte für mögliche gesundheitliche Kontaminationsfolgen auszuschließen. Vielleicht hätte man dann in der Vergleichsregion auch keine „Erhöhung der Inzidenz für Leukämien und Lymphome“ gefunden, obwohl dort „eine .. Grundwasserproblematik nicht besteht.“ (Luttmann/ Eberle, S. 15)

Aber wegen der willkürlichen Wahl der Vergleichsgebiete ist diese Auswertung ohnehin eher fragwürdig.


Karzinogene Benzolwahrheiten


Wenn man mit den in der offiziellen Zusammenfassung erzeugten Erwartungen an die Lektüre der Studie geht, wird man von einigen Einzelergebnissen durchaus überrascht. So heißt es zum statistischen Zusammenhang, der vor allem interessiert: „Die Entitätengruppe IV und V beinhalten jeweils breiter gefasste Leukämie- und Lymphom-Erkrankungsformen; hier zeigen sich in beiden Untersuchungszeiträumen höhere Erkrankungsraten in der Untersuchungsregion, die jedoch keinen statistisch signifikanten Unterschied darstellen. Darüber hinaus zeigt sich eine Erhöhung der Inzidenz im Zeitverlauf, die auch im restlichen Stadtgebiet beobachtbar ist.“ (Luttmann/ Eberle, S.9) 

Mit anderen Worten stellen also die Wissenschaftlerinnen durchaus mögliche Auswirkungen bei den Benzol-affinen Krebserkrankungen fest. Nur verlieren sich diese Aussagen in der Flut weiterer Einzeldaten, deren Bezug zur Forschungsfrage unklar ist, und in der quasi offiziellen Zusammenfassung für den eiligen Leser taucht sie gar nicht auf. 

Dieses Schicksal ist jedoch angesichts der Kernfrage nach möglichen gesundheitlichen Folgen der Tanklager-Kontaminationen völlig unangemessen. Daher soll hier vor allem auf diese Daten eingegangen werden. Die folgende Tabelle zeigt, dass bei allen drei betrachteten Benzol-affinen Gruppen von Krebsindikationen im Untersuchungszeitraum die Fallzahlen deutlich über denen gelegen haben, die man erwarten musste, wenn das Krebsrisiko in Farge und Rönnebeck genau so hoch wäre wie in Bremen insgesamt.


Benzol-affine Krebserkrankungen in Farge und Rönnebeck 2000-2009


Krebs-Indikationen
Erhobene Fallzahl
Erwartete Fallzahl
Abweichung in %
III
9
7,7
17
IV
50
37,5
33
V
57
45,2
26


Für die Gruppe V, die die beiden Gruppen III und IV einschließt, liegt damit in den gesamten Ortsteilen Farge und Rönnebeck, verglichen mit dem Bremer Durchschnitt, ein deutlich erhöhter Wert vor, denn sonst müssten im Untersuchungsgebiet nur die erwarteten 45 Fälle gemeldet worden sein. Wegen der geringen Fallzahl gilt diese Zahl dennoch als statistisch nicht signifikant.



Ausdehnung der Kontaminationsfahne, steigende Krebsinzidenz



Diese Differenzierung mit den dadurch bedingten kleinen Fallzahlen führt auch in einem Zeitvergleich zu ähnlichen Ergebnissen. (vgl. die folgende Tabelle).


Zeitliche Entwicklung der Benzol-affinen Krebserkrankungen in Farge und Rönnebeck



Krebs-Inidikationen
Erkrankungen
2000-2004
Erkrankungen 2005-2009
Veränderung
in %
III
3
6
100
IV
22
28
27
V
25
32
28


Auch hier weisen die Zahlen einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen in den beiden Untersuchungszeiträumen aus, der für alle drei Teilindikatoren der Gruppen III, IV und V gilt. 

Dieser Effekt ist auch unabhängig von der Entwicklung in Bremen insgesamt; denn während die Zahl der Benzol-affinen Erkrankungen zwischen 2000 und 2004 noch 16 % über dem Durchschnitt lag, waren es im letzten Zeitabschnitt bis 2009 sogar 35 %.


Danach scheint parallel zur Ausbreitung der Kontaminationsfahne das erhöhte Risiko für Benzol-affine Krebserkrankungen zu wachsen. Ein derartiger Zusammenhang wird zwar durch die Zahlen nicht bewiesen, die jedoch zumindest diese Aussage als Frage für weitere Forschungen nahe legen. 



Der „Zufall“ der Zufälle



Wie in einer Reihe anderer kleinräumiger Krebsstudien wurden auch in diesem Fall durchaus erhebliche Abweichungen vom Bremer Durchschnitt ermittelt. Dabei gilt jedoch immer der Vorbehalt, dass die Aussagen vor allem wegen der kleinen Fallzahl statistisch nicht signifikant sind.

Dabei muss man jedoch eine korrekte Interpretation dieser Aussage beachten; denn sie bedeutet keinesfalls, dass der ermittelte Zusammenhang vermutlich rein zufällig ist. Richtig interpretiert ist das ausgewiesene Ergebnis, das ja ganz reale Krankheits- und teilweise auch Todesfälle ausweist, vielmehr das tatsächlich wahrscheinlichste. Nur muss man dabei die Einschränkung machen, dass es möglicherweise auch durch Zufälle entstanden sein kann.

Diese Zufälle sind jedoch wiederum besonders selten, wenn, wie in diesem Fall, alle drei Indikatoren gleichgerichtet sind. Es ist dann sehr unwahrscheinlich, dass der Zufall zu derart vielen Zufällen führt.



Das Benzpyren-Bild


Für die beiden Gruppen von Krebsindikationen, die vermutlich mit PAK in Verbindung stehen und als Benzpyren-affin untersucht wurden, zeigt sich in den Durchschnittswerten zwar ein ähnliches Bild wie bei den Benzol-affinen. Nur zeigen sich diese beiden Teilbereiche VI und VII weniger einheitlich. Auch ist hier der Zusammenhang zwischen den Giften und den Krebslokalisationen weniger gut belegt, worauf bereits die Zeitungsartikel und die offizielle Zusammenfassung hinweisen.



Die möglichen Effekte der Verwässerungsmethode



Im Hinblick auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Tanklagers interessieren vor allem die Benzol-affinen Krebserkrankungen. Ihre Zahl lag im Zeitraum 2000-2009 in Farge und Rönnebeck bei insgesamt 57 Neuerkrankungen mit 12 Fällen über dem Bremer Durchschnitt.


Wenn man einmal annimmt, dass hierfür das Tanklager verantwortlich sein kann und sich dessen karzinogene Wirkung auf den Bereich der Kontaminationsfahne konzentriert, muss man die Zahlen noch unter ganz anderen Aspekten auswerten. In diesem Fall lassen sich die errechneten 26 Tanklager-Kranken nicht der gesamten Bevölkerung von Farge und Rönnebeck zurechnen, sondern nur dem Anteil, der tatsächlich auf der Kontaminationsfahne lebt.

In einer Modellrechnung lässt sich der mögliche Hintergrund dieser zunächst recht klein erscheinenden Anzahl veranschaulichen. Falls beispielsweise ein Zehntel der Gesamtbevölkerung im eigentlichen Sinne betroffen ist, würde das bedeuten, dass bei einer Ausbreitung der Kontaminationsfahne auf die gesamt Fläche der Ortsteile Farge und Rönnebeck nicht 57, sondern 57 + 9 * 12 Einwohner erkrankt wären, also 165 neue Krebskranke mit Benzol-affinen Lokalisationen in die Auswertung eingehen müssten. Das wären immerhin deutlich mehr als die erwarteten 45 und ein Wert, der durchaus signifikant ist. Allerdings hat man durch die gewählte Methodik von vornherein vermieden, solche Ergebnisse ausweisen zu müssen.

Auch wenn vermutlich nicht jeder diese Zahl für realistisch halten wird, veranschaulicht diese Modellrechnung zwei wichtige Aussagen:

Zum einen kann der in der Untersuchungsmethodik angelegte Verwässerungseffekt die Entdeckung gefährlicher Krebsrisiken verhindern.

Zum anderen kann bei den ermittelten Daten das verdeckte tatsächliche Krebsrisiko so groß sein, dass eine sorgfältige Gesundheitsuntersuchung geboten ist.


Wissenschaft, Politik und Verantwortung



Da die Zukunft des Tanklagers ungewiss ist, lassen sich mögliche gesundheitliche Schäden sogar für kommende Generationen vermeiden, wenn man die Ergebnisse dieser Studie nicht verharmlost, sondern die Fakten so zur Kenntnis nimmt, wie sie sind:

- die Zahlen weisen auf ein erhöhtes Risiko beim Benzol-affinen Krebserkrankungen in Farge und Rönnebeck hin und

- es lässt sich ein deutlicher Anstieg im Zeitverlauf erkennen.

Diese Tendenzen bei kleinen Fallzahlen können leicht signifikant und in ihrem Ausmaß besorgniserregend sein, wenn sie vor allem auf die Erkrankungen bei den Bewohnern der Häuser resultieren, die auf der Kontaminationsfahne leben.

Verantwortungsvolle Wissenschaftler und Politiker sollten daher ungeachtet aller Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten diese Gefahr klar benennen und für Gesundheitsuntersuchungen eintreten, die sich ganz gezielt auf mögliche Expositionen im Bereich des Tanklagers konzentrieren und auch neben Krebs andere Erkrankungen berücksichtigen, die mit den Stoffen in Verbindung stehen, die im Grundwasser nachgewiesen wurden.

Eine formelhafte Erklärung wie „Das Bremer Krebsregister wird das Gebiet um das Tanklager mittel-und langfristig gezielt weiter beobachten“ (Luttmann/ Eberle, S. 15) ist daher nicht ausreichend, da der Datensatz des Krebsregisters begrenzt ist und damit viele wichtige Fragen unbeantwortet lassen muss.

Die wissenschaftliche Aufklärung muss daher vorrangig in eine andere Richtung gehen; denn es reicht nicht, wenn vom Krebsregister nur ein Wunschzettel formuliert wird, auf dem ganz oben steht: „Für die Ermittlung der Expositionsdauer müsste .. die genaue Wohndauer in dem Gefährdungsgebiet berücksichtigt werden.“ (Luttmann/ Eberle, S. 15)

Dieser Hinweis ist sicherlich sehr berechtigt. Nur welche Bedeutung hat er, wenn er faktisch zu keiner Verbesserung des Datenmaterials führt.

Wenn die Gesundheitsbehörde ihren Prüfauftrag zum Tanklager Farge ernst nimmt, darf sie auf diese Studie nicht mit einer Verharmlosungsstrategie reagieren und sich durch einen Verweis  auf „nicht signifikante“ Ergebnisse aus der Verantwortung stehlen. Sie muss die Studie des Krebsregisters vielmehr als explorative Voruntersuchung verwenden, um den gefundenen ersten Ergebnissen zu erhöhten Benzol-affinen Krebsrisiken gezielt nachzugehen.

Das macht allerdings nur Sinn, wenn dabei Gesundheitswissenschaftler ohne falsche Weichenstellungen und ergebnisoffen medizinische Daten für alle Personen erheben und auswerten, die möglichen Expositionen durch das Tanklager ausgesetzt sind. Dazu zählen vor allem auch die Mitarbeiter des Tanklager und die Kinder. Zudem darf auch die Vielzahl von Erkrankungen nicht „übersehen“ werden , die neben Krebs mit den Grundwasserbelastungen in Farge in Verbindung stehen können.

Das mag gegenüber der preiswerten Sonderauswertung von vorliegenden Daten des Krebsregisters auch ein Kostenproblem sein. Nur sollte die zuständige Behörde dann offen erklären, dass sie nicht bereit ist, für eine sorgfältige Untersuchung die erforderlichen Kosten aufzubringen oder dafür einen denkbaren Kostenträger zu suchen.

Falls jedoch ein tatsächliches Interesse an einer Aufklärung der Zusammenhänge zwischen Kontaminationen und Erkrankungen besteht, wird man solche Untersuchungen nicht vermeiden können. Die Studie des Krebsregisters weist jedenfalls aus, dass entsprechende Zusammenhänge wahrscheinlich sind.




Wissenschaftler und vor allem Politiker, denen die Gesundheit der Menschen in Farge und Rönnebeck nicht gleichgültig ist, müssten daher an einer weiteren Aufklärung interessiert sein. Sonst setzen sie sich leicht dem Verdacht aus, dass sie aufgrund ihrer politischen Verantwortlichkeit für den Betrieb des Tanklagers gar keine wissenschaftlich korrekte und umfassende Untersuchung wollen. 


1) In der Studie werden sieben „Gruppen“ von Krebsarten gebildet. Davon umfasst Gruppe I alle Krebserkrankungen und Gruppe 2 Darmkrebs, malignes Melanom, Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs sowie Prostatakrebs. Als Benzol-affin gelten die Gruppen III (akute nicht lymphatische Leukämien, myelodysplastisches Syndrom ), IV ( III und Non-Hodgkin-Lymphome, Multiples Myelom) und V (IV und ähnliche Erkrankungen) sowie als PAK- bzw. benzpyren-affin die Gruppen VI (Lungen- und Blasenkrebs) und VII (nicht-melanotischer Hautkrebs).

Quellen:
Denker, Christina, Mehr Krebs rund ums Tanklager. Gutachter sehen jedoch keinen direkten Zusammenhang, in: Die Norddeutsche vom 15.5.2013.
Derzak, Rolf, Sozialindikatoren 2009. Aktualisierung der Sozialindikatoren, Bremen März 2010.
Drieling, Regina, Farger haben häufiger Hautkrebs. Bei sechs von sieben Erkrankungsarten keine „signifikante Erhöhung“ festgestellt, in: BLV vom 15.5.2013.
Luttmann, Sabine und Eberle, Andrea, Kleinräumige Analyse zur Krebsinzidenz in der Region um das Tanklager Farge, Bremen März 2013.

Am diesen Stelle möchten ich allen UnterstützerInnen für ihre rasche Hilfe bei der Informationsbeschaffung danken.

Freitag, 3. Mai 2013

Aktuelles: Stadtteilfest



Blumenthaler Stadtteilfest

Vorüberlegungen und erste Vorschläge




Endlich hat sich die Mehrheit des Blumenthaler Beirats von ihrer unseligen Idee einer „Anschlusssause“ auf der Bahrsplate, also der Feier einer Hitlerunterschrift auf dem Gelände eines ehemaligen KZs, verabschiedet.

Damit ist jetzt der Weg frei, um einen Beschluss des Beirats für ein regelmäßiges Stadtteilfest umzusetzen. Darin wird das Ortsamt gebeten, „die Entwicklung eines Konzeptes zu einem regelmäßigen Stadtteilfest koordinierend zu begleiten, z.B. mit öffentlichen Veranstaltungen und Beiratssitzungen (unter Einbeziehung von VertreterInnen aus den Bereichen Kultur, Sport, Bildung, Soziales u.a. und unter Beteiligung der Blumenthaler Bevölkerung).“

Es werden jetzt also Vorschläge für regelmäßige Stadtteilfeste gesucht. Das ist zweifellos eine Aufgabe, die sich sehr gut in einem Internetforum lösen lässt. Hier kann man sehr unkompliziert nicht nur eigene Anregungen geben, sondern auch Rückfragen stellen und Ergänzungen hinzufügen, sodass sich nach und nach ein überzeugendes Konzept entwickeln lässt. Eine entsprechende Plattform, die allerdings nicht vom Ortsamt eingerichtet ist, kann auch bereits genutzt werden.

Stadt- und Stadtteilfest müssen nicht nur ausschließlich themenlose Feste sein, sondern sie können auch einen gewünschten Beitrag zur Entwicklung einer Stadt leisten. Auf ihnen kann man gemeinsam feiern, sich treffen, einige Worte wechseln und so die Kommunikation im Ort verbessern. Es ist jedoch auch möglich, durch ein ausgewähltes Thema dafür zu sorgen, dass den Bürgern die Vorzüge ihrer Heimat bewusster werden und sie damit besonders stolz auf ihren Stadtteil bleiben, ja, auch werden können.

Das dürfte überall dort wichtig sein, wo man etwa im Urlaub, bei einem Vorstellungsgespräch oder beim Small Talk nicht besonders gern seine Wohnort nennt, weil darüber in den Medien nicht nur positiv berichtet wurde. 
Wenn man an zahlreiche Fernsehsendungen und Zeitungsberichte während der letzten Wochen denkt, könnte das für Blumenthal zutreffen. Sollte man zudem noch die typisch niedrigen Blumenthaler Wahlbeteiligungen im Hinterkopf haben, scheint hier die Bindung an den Stadtteil und das Interesse an seinem Wohl und Wehe nicht besonders ausgeprägt zu sein. Stadtsoziologen sprechen in solchen Fällen von Anomie.

Eine in solchen Fällen wünschenswerte Stärkung des Zusammenhalts können zwar auch Feste leisten, wie die häufig nach Jahreszeiten benannten Frühlings-, Sommer- oder Herbstmärkte. Die lassen sich zweifellos als Veranstaltungen gestalten, die man mindestens noch ein ganzes Jahr in guter Erinnerung behält.

Um allerdings die Identifikation mit der Heimat und vor allem den Stolz auf ihre Einmaligkeit zu erhöhen, eignen sie sich weniger, weil es einfach zu viele von ihnen gibt.

Da versprechen Stadtteilfeste mehr, die eine starke Seite der eigenen Stadt thematisieren. Vermutlich gibt es unter diesem Blickwinkel viele Ideen für mögliche Stadtteilfeste, zu denen auch folgende drei Ausgangsgedanken gehören können:

- Schönes Blumenthal
  
Man kann die Schönheit der Landschaft in den Vordergrund stellen, etwa die Geestlandschaft der Bremer Schweiz mit Freizeitaktivitäten wie Wandern, Radfahren, Joggen oder Reiten. 


Blumenthaler Wolltage 


Einen anderen Akzent würde das Thema "Bremer Wollkämmerei" setzen, die für die Entwicklung der einstigen Kreisstadt Blumenthal prägend war. Hier würde die Erinnerung an das industrielle Zeitalter im Mittelpunkt stehen, als in Blumenthal dieses Unternehmen von Weltrang große Teile des Lebens bestimmt hat. Eine aktuelle Ergänzung könnten Ausstellungen und Marktstände zu den Bereichen „Schaf“ und „Wolle sein.



- Buntes Blumenthal 


Eine dritte Thematik könnten die sozialen Brennpunkte des Stadtteils sein, wie sie sich an der George-Albrecht-Straße oder im WiN-Gebiet Lüssum-Bockhorn zeigen. Hier sollte man nicht die Integrationsschwierigkeiten problematisieren, sondern den Reichtum in den Vordergrund stellen, der mit der kulturellen Vielfalt verbunden sein kann. Das könnten etwa Stadtteilfeste unter Bezeichnungen wie „Buntes Blumenthal“ oder „Blumenthaler Vielfalt“ zum Ausdruck bringen, wenn man die Namen hier als Motto und Ziel versteht.

Das sind, wie man leicht sieht nur erste Ideen, die vor allem einen Zweck haben: Hier zu einer regen Diskussion zu führen und viele kreative Beiträge zu entwickeln.


Entsprechendes gilt für die jeweiligen Standorte. Auch hier lässt sich das Für und Wider verschiedener Lokalität erörtern. Und man kann auch hier ganz offen an die Sache herangehen: also etwa einen Jahrmarkt mit Fahrgeschäften auf dem BRENOR-Gelände, Kulturelles auf der Burg Blomendal und ein multikulturelles Straßenfest mit kleinen Musikbühnen und internationaler Küche zwischen Blumenthal-Center und George-Albrecht-Straße vorsehen.

Gebraucht werden vor allem gute Ideen, die zu keinen neuen Fettnäpfchen führen. Sie sollten also das Wir-Gefühl aller Blumenthaler stärken und das Image der „Spitze Bremens“ verbessern.